Geschichte


Reinheim und die Nachbargemeinden Ueberau, Spachbrücken,
Georgenhausen und Zeilhard im Großherzogtum Hessen nach 1871

(Lage, Verkehrserschließung, Einwohnerzahlen, Landwirtschaft, Gewerbe, Auszug aus dem Landesadreßbuch 1905, Staatsaufbau)

Heinz Reitz
(Quelle: REINHEIMER BEITRÄGE 2: Reinheim im deutschen Kaiserreich; Herausgegeben vom Magistrat der Stadt Reinheim; 1986)

Das Großherzogtum Hessen umfaßte eine Fläche von 7.688 qkm und hatte 1910 rund 1.282.000 Einwohner. Die Gebietsfläche des Bundeslandes Hessen beträgt heute 21.113 qkm bei einer Bevölkerungszahl von 5.540.585 im Jahre 1977. Mit der Reichsgründung am 18.1.1871 hatte Großherzog Ludwig III. als Oberhaupt eines Bundesstaates des Deutschen Reiches zwar das Außen- und Kriegsministerium nach Berlin abgegeben, besaß jedoch im übrigen noch eine politische Eigenständigkeit. Nicht zuletzt in dieser Besonderheit der Einzelstaaten des Deutschen Reiches liegt die Begründung für den in der Gegenwart so starken Föderalismus der Bundesrepublik Deutschland.

Reinheim und die vier heutigen Stadtteile erstrecken sich über die nördlichen Ausläufer des Odenwaldes. Während die älteren Ortsteile von Reinheim und Ueberau in ihrer Lage zur Gersprenztalaue ausgerichtet sind, liegen die übrigen drei Dörfer geschützt zwischen den flachen Bergen des „Reinheimer Hügellandes". Spachbrücken liegt in dem vom Dilsbach durchflossenen Tal, während die älteren Teile von Georgenhausen und Zeilhard zu der Niederung des Hirschbaches hin orientiert sind. Die räumliche Ausdehnung der Siedlungen um 1880 ist aus der Karte, die auf den Seiten 6 und 7 wiedergegeben ist, zu ersehen.

Die Verkehrserschließung des Odenwaldes stellte ein großes Anliegen der großherzoglichen Regierung in Darmstadt dar, war dies doch der erste Schritt zur Wirtschaftsförderung. So hatte man die alte, über Reinheim führende Postverbindung von Darmstadt nach Erbach (heute B 38) schon 1817 als Chaussee ausgebaut. Spachbrücken und Reinheim wurden an die moderne Straße angebunden, während die anderen drei beschriebenen Dörfer etwas seitab liegen blieben. Den gleichen Überlegungen zur Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur zufolge wurde die Chaussee von Darmstadt nach Wiebelsbach (heute: B 426) um 1843 fertiggestellt. Im Zuge dieser letztgenannten Baumaßnahme mußte in Reinheim der ,,dicke Turm", der direkt neben dem Herrenhaus des Hofgutes stand und bis fast zur Mitte der heutigen Kirchstraße reichte, weichen. Die schmale Einfahrt zur Stadt vor dem ehrwürdigen Fachwerkhaus (Kirchstraße 21) genügte nicht mehr den Anforderungen der Zeit, genausowenig wie das Untertor (Kirchstraße 47).

Im gleichen Sinne war die, von der Odenwälder Bevölkerung lange ersehnte Eisenbahnverbindung zur Residenzstadt Darmstadt geplant worden. Die Stadt Reinheim verdankt es dem rührigen Geometer Dieter, daß 1871 hier eine Bahnstation in Betrieb genommen werden konnte. Immerhin mußte die Eisenbahngesellschaft 1870 den 240 m langen Engelberg-Tunnel bauen lassen, um der Stadt einen günstig gelegenen Bahnhof zu bieten. Für die Planer der Hessischen Ludwigsbahn war es mit Sicherheit einfacher, den Engelberg im Norden zu umgehen und einen Bahnhof seitab von Reinheim zu bauen.

Die 1887 fertiggestellte Nebenbahn nach Reichelsheim war in Reinheim nur durch die Erbauung eines Tunnels am Friedhofsberg und die Versetzung zweier Häuser zu bewerkstelligen. Dadurch erhielten die Dörfer des Gersprenztales eine Bahnverbindung nach Reinheim und Darmstadt. Die 1896 eröffnete Bahnverbindung nach Offenbach sollte Reinheim zu einem „Eisenbahnkreuz" werden lassen. Außer Umsteigebetrieb auf dem Bahnhof brachte diese jüngste Eisenbahnlinie den Reinheimern eine günstige Möglichkeit, zu einem Arbeitsplatz nach Offenbach, dem industriellen Schwerpunkt des Großherzogtums zu gelangen. Dies wareine weitere Möglichkeit - neben Darmstadt -, um eine Arbeitsstelle in der Stadt annehmen und trotzdem weiterhin auf dem Lande wohnen zu können.

Übrigens waren die Segnungen der modernen Verkehrstechnik schon damals für die Gemeinden nicht kostenlos. Nach dem Gesetz vom 14.8.1867, die „Aufbringung der Kosten für das zur Erbauung von Eisenbahnen erforderliche Gelände betreffend" und einem Vergleich vom 27.2.1875 wurde festgesetzt, daß Reinheim 3.694 GuldenDer Gulden ist eine früher gebräuchliche Münze (ursprünglich aus Gold, daher der Name, später auch aus Silber) und eine Währungseinheit in mehreren Staaten. Gulden waren, wie der Name andeutet, zuerst aus Gold (Gewicht von 3,54g), später kamen Silbergulden hinzu. 6 KreuzerDer Kreuzer ist eine Münze, welche im süddeutschen Raum, in Österreich und in der Schweiz verbreitet war. In den meisten Währungssystemen galt 8 Heller = 4 Pfennig = 1 Kreuzer und 4 Kreuzer = 1 Batzen. In Deutschland war der Kreuzer bis zur Einführung der Mark 1873 in Gebrauch., Ueberau 1.986 Gulden 36 1/2 Kreuzer, Spachbrücken 1.877 Gulden 23 Kreuzer, Georgenhausen 610 Gulden 52 3/4 Kreuzer und Zeilhard 818 Gulden 41 1/4 Kreuzer als Beitrag zum Geländeerwerb zu entrichten hatten.

Schon im 19. Jahrhundert versprachen sich viele Menschen durch einen Umzug in die Stadt einen raschen sozialen Aufstieg. So kam es nach dem Bahnbau zu einer günstigeren Entwicklung der Einwohnerstatistik. Die wirtschaftlich schwierigen Jahre der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit rückläufigen Einwohnerzahlen waren somit überwunden.

Einwohnerzahlen

Jahr

1871 1875 1885 1895 1905 1910
Reinheim 1.411 1.505 1.716 1.723 2.073 2.209
Ueberau

759

736

822

834

898

956

Spachbrücken

828

831

821

843

938

985

Georgenhausen

262

293

277

248

284

294

Zeilhard

363

370

403

413

491

548

Summe

3.623

3.735

4.039

4.061

4.684

4.992

Erwerbsmöglichkeiten boten sich den Menschen in der Landwirtschaft, die durch die fruchtbaren Löß-Lehmböden der Reinheimer Bucht günstige Voraussetzungen fanden.

Allerdings waren die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen in Reinheim durch zwei adelige Großbetriebe (Illbach: 637 Morgen und Hofgut Reinheim 330 Morgen), die DomäneDas Wort Domäne bezeichnet den landwirtschaftlichen oder forstwirtschaftlichen Grundbesitz des Staates. „Reinheimer Teich" mit 308 Morgen und in Georgenhausen (Hofgut: 690 Morgen) von der Fläche her eingeschränkt. Dagegen waren in Ueberau und Spachbrücken die Verhältnisse für mittelbäuerliche Betriebe günstiger, weil das adelige Hofgut Spachbrücken (425 Morgen) bereits seit 1799 in vier Teilen als Erbleihe ausgegeben worden war. Die 183 Morgen große Landwirtschaftsfläche des Ueberauer Hofgutes und die 97 Morgen der „Hundertmorgen" waren bereits 1858 bzw. 1860 in kleinen Parzellen verkauft worden.

Höhenschichtenkarte von Hessen 1 : 25.000 (Stand: 1886)
Der Abdruck der Karte erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Hessischen Landesvermessungsamtes, Wiesbaden

Ein Auszug aus der Statistik für Bodennutzung und Viehstand in den Gemarkungen 1907 möge die Verhältnisse verdeutlichen.

Gesamtfläche

Ackerland

Pferde

Rinder

Schafe

Schweine

Ziegen

Reinheim

1.223ha

809ha

157

567

-

1.512

370

Ueberau

636ha

604ha

75

543

-

853

236

Spachbrücken

505 ha

444ha

74

446

4

1.056

200

Georgenhausen

132ha

106ha

29

165

-

373

72

Zeilhard

274ha

235ha

23

227

-

401

96

Spachbrücker Waldgemarkung 272 ha, Georgenhäuser Waldgemarkung 88 ha, Zeilharder Waldgemarkung 90 ha.

Die große Zahl der Menschen, die sich in der Landwirtschaft ernähren mußte, konnte also nur in kleinbäuerlicher Arbeitsweise oder als landwirtschaftliche TagelöhnerEin Tagelöhner ist jemand, der keine feste Arbeitsstelle hat, sondern sich in der Regel immer wieder bei neuen Arbeitgebern um neue Hilfsarbeiten bemühen muss. In der Geschichte standen Tagelöhner meist recht weit unten in der gesellschaftlichen Hierarchie. ein sehr bescheidenes Auskommen finden.

Die ortsansässigen Gewerbe, die damals noch in der Regel als landwirtschaftliche Nebenerwerbsbetriebe geführt wurden, bedienten im wesentlichen den lokalen Bedarf. Erst durch den Bahnanschluß der Dörfer des Gersprenztales an Reinheim hatten sich für einige Händler für langlebigere Güter vorteilhaftere Bedingungen ergeben.

Die Arbeiter und Tagelöhner mußten ihre Ernährung in den meisten Fällen ohne nennenswerten Landbesitz, nur in wenigen unter Nutzung eines kleinen Gartens, erwerben. Aus der Statistik wird deutlich, wie viele Familien nur mit der Milchlieferung einer Ziege, einer „Kuh des kleinen Mannes" zur Unterstützung der eigenen Hauswirtschaft auskommen mußten, wenn man für eine Familie jeweils eine Ziege rechnet.

Die graphische Darstellung über die Berufsangaben im Landesadreßbuch hat Thorsten Hämisch auf Seite 63 gezeichnet. Es ist dort zu entnehmen, daß in allen untersuchten bürgerlichen Gemeinden im Jahre 1905 etwa 20 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig waren, jedoch ohne die Tagelöhner einzubeziehen. Etwa 15 % waren als Handwerker tätig. Mit Ausnahme von Georgenhausen sind in allen Gemeinden mindestens 38 % der Familienvorstände Arbeiter und etwa 6 % Beamte. Etwa ein Viertel der ausgezählten Angaben bezogen sich auf Rentner und sonstige Erwerbszweige.

Ein Auszug aus dem Landesadreßbuch des Großherzogtums Hessen 1905 soll einen Vergleich zwischen Reinheim und den heutigen Stadtteilen für das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts ermöglichen.


Reinheim

mit Hof Illbach, Teichhaus und Dieter's Mühle. Stadt. 1.892 Einwohner. Bürgermeister Buxmann. Dekanat Reinheim. Pfarrer Alexander Schuchard. Amtsgericht Reinheim (Amtsrichter Breidenbach und Küchler), Haupt-Steueramt: Offenbach, Hochbauamt: Dieburg, Oberförsterei: Groß-Bieberau, Steuerkommissariat: Darmstadt II, Bezirkskasse Reinheim (Rendant Hefermehl), Kreisvermessungsamt Reinheim: (Kreisgeometer Koch), Gendarmeriestation Reinheim, Bahnstation, Post, Telegraph und öffentliche Fernsprechstelle.
Vereine und Genossenschaften: Kriegerverein, Militärverein, Kriegergesangverein, Männergesangverein, Turnverein, Freiwillige Feuerwehr, Schützen verein, Bauernverein, Gewerbeverein, Gartenbauverein, Verschönerungsverein, Arbeiter-Unterstützungsverein, Konsumverein, Bienenzuchtverein, Rinderzuchtverein, Ziegenzuchtverein, Sparkasse.


Ueberau

mit dem Weiler Hundertmorgen. Pfarrdorf. 808 Einwohner. Bürgermeister Knell. Pfarrer Stork. Posthilfestelle, die zentralen Einrichtungen in Reinheim bzw. wie für Reinheim vermerkt.
Vereine und Genossenschaften: Kriegerverein, Gesangverein, Freiwillige Feuerwehr, Landwirtschaftlicher Konsumverein, Spar- und Darlehenskasse (eGmuH).


Spachbrücken

Pfarrdorf. 880 Einwohner. Bürgermeister Konrad liiert VII., Pfarrer Adam Horst, Bahnstation, Post, Telegraph und öffentliche Fernsprechstelle, die zentralen Einrichtungen in Reinheim bzw. wie für Reinheim vermerkt.
Vereine und Genossenschaften: Kriegerverein, Gesangverein Sängerlust, Arbeiter-Unterstützungsverein.


Georgenhausen

mit Bereiters-Mühle. 271 Einwohner. Bürgermeister Lehr. Pfarrer Schönfeld. Bahnstation Zeilhard (2,5 km), Posthilfsstelle, die zentralen Einrichtungen in Reinheim bzw. wie bei Reinheim vermerkt.
Vereine und Genossenschaften: Kriegerverein, Gesangverein, Konsumverein, Spar- und Darlehenskasse (eGmuH).


Zeilhard

mit 2/3 Dilshofen (Höfe) und Zeilharder Bahnhof. 441 Einwohner. Bürgermeister Kühn. Pfarramt Georgenhausen. Bahnstation, Posthilfsstelle, zentrale Einrichtungen in Reinheim bzw. wie bei Reinheim vermerkt.
Vereine und Genossenschaften: Kriegerverein, Arbeiter-Unterstützungsverein, Spar- und Darlehenskasse (eGmuH).


Zum Staatsaufbau interessieren hier nur die Kreiszugehörigkeit und die Staatsverfassung.

Alle fünf Gemeinden gehörten zum Landkreis Dieburg, der eine Fläche von 504 qkm umfaßte. Als Behördenleiter wirkte Kreisrat F. Lochmann und zu den Kreisausschußmitgliedern gehörte unter anderem auch der ÖkonomieratEin Titel, der an verdiente Landwirte verliehen wird F. Ramge aus Ueberau.

Das Großherzogtum Hessen war eine „konstitutionelle Monarchie", d.h. dem Großherzog (Monarch) standen nach Maßgabe der Verfassung (Konstitution) die aus zwei Kammern bestehende Volksvertretung mitbestimmend zur Seite. Die erste Kammer bestand aus den Prinzen des Großherzoglichen Hauses, den Standesherren, Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche, der Landesunivärsität Gießen und der Technischen Hochschule Darmstadt, des Handels und der Industrie, der Landwirtschaft und des Handwerks sowie des grundbesitzendcn Adels und 12 vom Großherzog ernannten ausgezeichneten Staatsbürgern, im ganzen aus 38 Mitgliedern. Die 50 Abgeordneten der 2. Kammer wurden in direkter geheimer Wahl auf sechs Jahre gewählt. Zum besseren Verständnis des Wahlverfahrens wurde das Verfassungsschema nach den Bestimmungen des Jahres 1875 auf der folgenden Seite dargestellt.

Die höchsten großherzoglichen Behörden waren die 3 Ministerien:
1. des Inneren mit besonderen Abteilungen für Schulangelegenheiten, für Gesundheitspflege, für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe,
2. der Justiz und
3. der Finanzen mit Abteilungen für Steuerwesen, für Forst- und Kameralverwaltung, für Bauwesen und für Finanzwirtschaft und Eisenbahnwesen.

Jedes Ministerium hatte einen verantwortlichen Minister an der Spitze. Einer stand als ,,Staatsminister" dem Gesamtministerium vor und war zugleich Minister des Großherzoglichen Hauses und des Äußeren.

Auf die Verfassung des Deutschen ReichesDas Deutsche Reich (als offizielle Bezeichnung) von 1871 bis 1945 (ab 1943 "Großdeutsches Reich") mit folgenden Phasen: 1871-1918 Deutsches Kaiserreich; 1918-1933 Weimarer Republik; 1933-1945 die Zeit des Nationalsozialismus, die auch Einfluß auf die Dörfer am Rande des OdenwaldesDer Odenwald ist ein Mittelgebirge in Südhessen, Unterfranken und Nordbaden. Der Name Odenwald ist vermutlich abgeleitet von 'Odins Wald'. hatte, muß an dieser Stelle nicht eingegangen werden, weil diese aus jedem einschlägigen Geschichtebuch entnommen werden kann. Die ortsgeschichtliche Betrachtung der Verhältnisse erlaubt es, die reichspolitischen Gesichtspunkte nur anzudeuten, wie dies in dem Beitrag von Fritz Volz (S. 48 ff.) geschieht. Der interessierte Leser kann sich in einem der unten angegebenen Werke einen sehr guten Überblick über das Deutsche KaiserreichDas Deutsche Kaiserreich wurde am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles gegründet, als unter Federführung von Bismarck der preußische König Wilhelm I. (1797-1888) zum "Deutschen Kaiser" ausgerufen wurde. Bis zur Ausrufung der Republik am 9. November 1918 und der Abdankung des Kaisers Wilhelm II. war das Deutsche Reich eine konstitutionelle Monarchie. verschaffen.


Glaser, Hermann und Pützstück, Walter: E in deutsches Bilderbuch 187O-1918. München 1982 Langewiesche, Dieter (Hrsg.): Ploetz — Das deutsche Kaiserreich. Bilanz einer Epoche. Freiburg, Würzburg 1984
Ritter, Gerhard A. und Kocka, Jürgen (Hrsg.): Deutsche Sozialgeschichte 1870—1914. München 1982
Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918. [= Leuschner, Joachim (Hrsg.): Deutsche Geschichte, Band 9]. Göttingen 1983