Geschichte


Ueberau 1966 - 1991

Fritz Volz
(Quelle: "Festschrift zur 675-Jahrfeier"; UEBERAU 675 Jahre: 1316 - 1991)

Vorbemerkung

Wenn man die Entwicklung von Ueberau in den letzten 25 Jahren Revue passieren läßt, erscheint es kaum vorstellbar, wie vergleichsweise gemächlich es in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts zuging -zumindest was das äußere Erscheinungsbild der Gemeinde betraf.
Das alte Ueberau, so wie es sich dem Betrachter um die Jahrhundertwende bot, hatte sich langsam und organisch entwickelt. Also ohne die rasante Erschließung von Neubaugebieten beispielsweise, so wie wir es heute gewohnt sind. Es gab auf dem Land erst wenige Leute, die auswärts arbeiteten, also eventuell an einen Umzug denken mußten. Die Ansprüche an den Wohnraum und die finanziellen Möglichkeiten waren weitaus geringer als heute, Familien lebten mit drei Generationen unter einem Dach. Das Bevölkerungswachstum hielt sich in Grenzen, das Leben der Dorfgemeinschaft spielte sich in der näheren Umgebung ab und richtete sich oftmals nach selbstgesetzten Regeln. Veränderungen gingen in diesem Rahmen nur sehr langsam voran.
Erst mit den grundlegenden Neuerungen des Industriezeitalters (Maschinen, industrielle Produktion, Pendler, Bevölkerungswachstum) wandelten sich die Lebensbedingungen und damit auch die Anforderungen der Menschen.
Ueberau erhält 1895 eine elektrische Straßenbeleuchtung und weiht 1899 ein neues Schulhaus ein. Die alte Schule hielt den wachsenden Schülerzahlen und den Anforderungen an zeitgemäßen Unterricht nicht mehr Stand.
1928 baut Ueberau eine öffentliche Wasserversorgung, die ersten privaten Fahrzeuge rattern durch die staubigen Straßen. Dennoch war es auch noch nach dem zweiten Weltkrieg ein gewohntes Bild auf Ueberaus Straßen, daß Pferdefuhrwerke über das Kopfsteinpflaster zockelten.
Kurz darauf aber begann sich das äußere Erscheinungsbild Ueberaus zu wandeln. Das Kopf Steinpflaster wurde Stück für Stück mit Asphalt zugedeckt, die alten Häuserfassaden, die von Fachwerk, Schindeln und viel Bewuchs an und neben den Häusern geprägt waren, verschwanden zunehmend hinter Putz. Das Dorf weitete sich an seinen Rändern aus, die Menschen beanspruchten zunehmend Platz. Erste Neubaugebiete waren notwendig geworden.
Diese Entwicklung hat in den letzten 20 Jahren rasante Ausmaße angenommen. Straßenbau, moderne Versorgungseinrichtungen, die ständig auf dem laufenden gehalten werden, Bürgerhäuser und die verschiedensten Freizeiteinrichtungen, viele neue Wohngebiete - all dies ist eigentlich erst in den letzten 25 Jahren in der Dichte entstanden, wie wir sie heute für selbstverständlich halten. Dabei sind einige, vormals gepriesene Errungenschaften längst schon wieder fragwürdig geworden und unter die Räder gekommen. Noch vor 10, 15 Jahren galt die autogerecht ausgebaute, breite Straße als moderne Lösung der Verkehrsprobleme, heute werden eben diese Straßen zurückgebaut, um wieder Platz für Kinder, Fußgänger, Radfahrer, Anpflanzungen zu gewinnen.
Zwei Beispiele sollen zunächst zeigen, wie sich Plätze und Straßen in Ueberau im Laufe von zwei bis drei Generationen verändert haben.
Das erste Beispiel führt uns in die heutige Wilhelm-Leuschner-Straße. Abbildung 1 zeigt uns die Straße zu Beginn der fünfziger Jahre. Das Pflaster geht über die gesamte Straßenbreite, der Fahrbereich wird von dem Teil, der für Fußgänger gedacht ist, nur durch die beiden Wasser/Abwasserrinnen (im Volksmund ,Flößchen' - Fleßje genannt) getrennt. Fuhrwerke bestimmen das Geschehen auf der Straße, im Hintergrund zieht jemand einen Handwagen über die Straße. Die Landwirtschaft war noch auf Zugtiere und Handarbeit angewiesen, die gesamte Straße war öffentlich zugänglich und wurde auch so genutzt. Gespräche und Kontakte von einer Seite zur anderen waren jederzeit ohne störende Kraftfahrzeuge möglich und wurden durch den ruhigen und offenen Charakter der Straße, auf der es keine eindeutigen Grenzen für einen bestimmten Bereich gab, sogar noch gefördert. Ganz anders dagegen das Bild aus unserer Zeit. Der Fotograf mußte lange warten, bis endlich einmal kein Auto störend ins Bild fuhr, auf der Straße ist kein Mensch zu sehen. Sie wirkt steril. Die Bereiche für Fußgänger und Autos sind klar gegeneinander abgegrenzt. Kontakt von einer Seite zur anderen ist nicht mehr ohne weiteres möglich (Abbildung 2).


Abbildung 1: Wilhelm-Leuschner-Straße zu Beginn der 50er Jahre



Abbildung 2: Grundschule und Wilhelm-Leuschner-Straße heute


Das zweite Beispiel ist der Platz, an dem die heutige Niedergasse (Ledergasse) in die Wilhelm-Leuschner-Straße einmündet, die zu Anfang des Jahrhunderts noch Hauptstraße hieß. Damals war der Platz mit dem Brunnen und den markanten Hofreiten ein beliebter Treffpunkt, an dem man nicht nur beim Wasserholen Nachbarn und Bekannte antreffen konnte. Auf der Straße tummelte sich Federvieh, vor den Nachbarhäusern gehen Frauen ihren alltäglichen Beschäftigungen nach.


Abbildung 3: Der alte Dorfbrunnen an der Einmündung der Niedergasse in die Wilhelm-Leuschner-Strasse



Abbildung 4: Niedergasse

Gänse und sonstiges Kleinvieh waren alltäglich auf den Ueberauer Straßen, denn sie waren neben etwas Ackerland zur Nahrungsversorgung oftmals der einzige Luxus, den sich die vielen kleinbäuerlichen Familien in ihrem täglichen Existenzkampf leisten konnten. Erst eine Kuh deckte die Armut zu, wie man zu sagen pflegte. Und der Brunnen war nicht in erster Linie gestalterisches Element auf dem Platz, sondern deshalb an zentraler Stelle plaziert, weil er der Grundversorgung mit Wasser diente, das mühsam von den Brunnen ins Haus geschleppt werden mußte. Heute ist der Brunnen an gleicher Stelle nur mehr schmückendes Beiwerk und verklärende Erinnerung. (Abbildung 3).
Er steht aber auch für die Veränderungen, die in Ueberau in den letzten 25 Jahren stattgefunden haben. Denn er markiert das obere Ende der Niedergasse, die sich noch vor kurzer zeit in einem ziemlich desolaten Zustand präsentiert hat. Das alte Pflaster hatte sich im Laufe der Zeit so abgenutzt und war durch Baumaßnahmen, Reparaturen und Witterungseinflüsse so in Mitleidenschaft gezogen worden, daß selbst das Gehen auf diesem Untergrund bisweilen ein gefährliches Unterfangen war. Mittlerweile ist die Gasse aber von Grund auf erneuert worden und hat dabei auch eine zeitgemäße Oberfläche erhalten. (Abbildung 4).

Das gleiche hat auch in der Oberen Straße stattgefunden, die schon 1986 ausgebaut wurde. Hier hatte man zum ersten Mal versucht, dem Auto in einer Straße wieder etwas Platz wegzunehmen und den vielen anderen Benutzern zurückzugeben. Durch farbige Aufpflasterungen sollten die Autofahrer veran-laßt werden, ihre Geschwindigkeit zu reduzieren, an den Rändern der Straße wurden Bäume und Pflanzen gesetzt.

Im gleichen Jahr wurden zwei weitere Vorhaben in Angriff genommen, die den Ueberauern eine erhebliche Verbesserung ihrer Infrastruktur brachte und Vereinen, Gruppierungen und Privatpersonen sehr viel Vorteile und Raum für Veranstaltungen aller Art schuf. Gemeint sind der Festplatz und das Bürgerhaus. Auf dem heutigen Festplatz stand bis Ende der siebziger Jahre die alte Ueberauer Mühle, ein markantes Gebäude am Ortseingang, das vielen älteren Ueberauern noch in Erinnerung ist. Nach dem Abriß der Mühlengebäude blieb der freigewordene Platz zunächst einige Jahre ungenutzt liegen, bevor er 1986 für Feste und größere Veranstaltungen hergerichtet wurde.


Das ehemalige Feuerwehrgerätehaus


Feuerwehr-Gerätehaus (links) und Bürgerhaus

Im Herbst desselben Jahres wurde das Bürgerhaus in Angriff genommen, in dem neben dem großen Veranstaltungsraum und seinen Nebengebäuden vor allem die Feuerwehr ein neues Domizil für die Vereinsarbeit und ihre Fahrzeuge bekam. Damit konnte sie endlich aus den beengten Verhältnissen in der Ortsmitte ausziehen. Im Mai 1988 wurde das Bürgerhaus mit dem angegliederten Feuerwehrgerätehaus eingeweiht.
Auch für kleinere Festlichkeiten, insbesondere für Freiluftveranstaltungen waren in der Zwischenzeit ebenfalls wesentlich bessere Bedingungen geschaffen worden. Mit der 1983/84 an der Straße nach der Hundertmorgen errichteten Grillhütte wurde den Freunden der kleinen Sommerfeste ein idealer Standort geboten, der auch ausreichenden Schutz gegen etwaige Unbillen des Wetters bot.
Und schließlich wurde Mitte der achtziger Jahre auch das größte Projekt der letzten Jahre in Ueberau abgewickelt, nämlich die Erschließung des Baugebietes Ueberau-Ost am Schützenrain. Dort wurde vielen Familien die Gelegenheit geboten, sich preisgünstig Wohnraum zu schaffen.
Das waren im kurzen Rückblick einige markante Punkte, die die Entwicklung und Veränderung Ueberaus innerhalb der letzten 25 Jahre beschreiben, Dabei fällt auf, daß vieles von dem, was an größeren Vorhaben anstand, in den letzten 15 Jahren verwirklicht worden ist. Natürlich kann man in der der gebotenen Kürze und auf dem zur Verfügung stehenden Platz nicht all das nachzeichnen und ansprechen, was sich sonst noch getan hat-von den vielen kleinen Dingen etwa, die auf Privatinitiative zurückgehen und das Gesicht des Ortes erhalten und verbessern bis zu den Vereinsaktivitäten. Eines ist aber doch ersichtlich geworden: daß sich das Tempo der größeren Bauvorhaben und Strukturverbesserungen erheblich beschleunigt hat. 1895 erhielt Ueberau elektrische Straßenbeleuchtung - das war immerhin 10 Jahre vor der Residenzstadt Darmstadt -, 1899 wurde das neue Schulhaus gebaut. Dann dauerte es fast 30 Jahre, bis mit dem Bau der Wasserversorgung Ende der zwanziger Jahre das nächste große Bauvorhaben anstand, Wenn man dagegen vergleicht, was allein seit 1980 in Ueberau für die Öffentlichkeit gebaut, instandgesetzt oder neu installiert wurde (s. o.), dann kann man vielleicht ermessen, welche Dynamik und Schnellebigkeit die Gegenwart angenommen hat.


Neubaugebiet Ueberau-Ost "Am Schützenrain"



Der Hochbehälter von 1928



Grillhütte