Kirche, Kultur und "sonstige Einrichtungen"


Die Reinheimer Filialkirchen Wersau und Überau

(Quelle: "Reinheimer Kirchen in alter Zeit"; von Walter Hotz, 1963)
Sonderdruck aus dem „Heimatboten für die evangelische Gemeinde Reinheim/Odw." IX. Jahrgang, 1 - 11, mit 8 Tafeln und 5 Abbildungen im Text
(Druck: K. F. Bender, Darmstadt)

Zur Zeit der ReformationDie Reformation (Martin Luther; 1517) ist eine Bewegung im Christentum des 16. Jahrhunderts, in deren Verlauf es zur Entstehung der reformierten, lutherischen und anglikanischen Kirchen sowie einiger Freikirchen kam. Die gemeinsame Grundlage sehen die ersten beiden Strömungen in der Rückbesinnung auf die Bibel und der Abkehr von bestimmten Auswüchsen der katholischen Kirche. Eine Trennung von der katholischen Kirche war zunächst nicht die Absicht der Reformatoren. Die re-Formation ("Wieder-Formierung") sollte die ursprüngliche christliche Lehre in der katholischen Kirche wiederherstellen. besaß Reinheim als Mutterkirche noch die Tochterkirchen von Überau und Wersau. Auch Illbach zählte als „filia synodalis", doch befand sich dort keine Gottesdienststätte 15)

Die hochgelegene Kirche von Wersau, die heute mit ihrem steilen Dach und ihrem einzeln stehenden Turm zwischen alten Bäumen hervorlugt und zu den Wahrzeichen des oberen Gersprenztals zählt, geht in ihrem baulichen Bestand noch in mittelalterliche Zeit zurück. Sie war dem hl. Ägidius geweiht und vermutlich, wie zwei heute verschwundene Inschriften erkennen ließen, zwischen 1468 und 1484 erbaut oder erneuert worden. An das rechteckige flachgedeckte Langhaus schließt sich ein ebensolcher Chor mit gotischem Fenster und einer Sakramentsnische an. Die übrige Ausstattung, Fenster und Türen, sind 1738 und gegen 1860 entstanden. Mit der Kirche verbunden war ehedem eine der hl. Notburga geweihte kleine Kapelle, über der sich ein Turm erhob. Dieser „böse Turm", den die Kirchenvisitatoren 1628 als baufällig bezeichneten, stürzte bald danach ein. Er wurde 1631 in einiger Entfernung vom Kirchengebäude wieder errichtet und diente zugleich als Torturm zum ummauerten Friedhof. Die Begründung für diese Maßnahme erfuhr man später, als eine Untersuchung über die Baupflicht angestellt wurde, und ein Wersauer Einwohner berichtete, man habe den Turm darum von der Kirche weg errichtet, damit der Gemeinde nicht bei einem abermaligen Einsturz noch die Baupflicht an der Kirche zugemutet würde.16)

Der Dienst in Wersau wurde durch Kapläne versehen. 1500 ist ein Kaplan Johannes Spiriolus bezeugt, nach Einführung der Reformation 1535 der Kaplan Bartholomäus und 1557 der Kaplan Wolfgang Raitz. 1563 hat die Kirchenbehörde Wersau aus dem Filialverhältnis zu Reinheim gelöst und zur selbständigen Pfarrei erhoben. Von 1648 bis 1652 wurde die Pfarrei von Groß Bieberau aus mitversorgt, von 1652 bis 1666 kam Wersau nocheinmal zu Reinheim mit der ausdrücklichen Begründung, „dieweilen es vordem ein Filial der Kirchen zu Reinheim gewesen", von 1666 bis 1679 gehörte es dann wieder zu Groß-Bieberau. Erst seit 1679 konnte es sich ungeschmälert eines eigenen Seelsorgers erfreuen.17)

Der ursprüngliche Charakter der Kirche zu Überau ist nicht ganz klar. Sie wird 1316 erstmals urkundlich erwähnt, ist aber, nach dem Befund der heute noch stehenden ältesten Teile, bereits im 13. Jahrhundert erbaut worden. In der Reformationszeit und wohl auch schon im 15. Jahrhundert war sie Filialkirche von Reinheim. Als solche ist sie mehrfach genannt. Allerdings wird sie in der bereits angeführten Präsentation des Christoph Libinck vom 3.6.1523 als „Pfarrkirche" bezeichnet. Das war damals sicher nicht zutreffend, aber vielleicht war sie das in sehr früher Zeit einmal. Die Überauer Einwohner, die im 18. Jahrhundert dreimal versuchten, von Reinheim loszukommen und einen eigenen Pfarrer zu erhalten, hatten wohl die Behauptung, ihre Kirche sei einst eine Mutterkirche gewesen, nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die Überauer Bittschriften vom 19.3.1716, Jan. 1741 und Jan. 1744, wurden zwar abschläglich beschieden, doch verdienen die Berichte der jeweiligen Reinheimer Pfarrer, die dazu eingefordert wurden, Beachtung, weil in ihnen wichtiges geschichtliches Material enthalten ist

In ihrer von Johann Henrich Petri, Johannes Schütz und Johann Peter Keisner unterschriebenen Eingabe von 1716 hatten die Überauer unter anderem geltend gemacht: „Es ist von uralten Zeiten unsere Kirche eine Mutterkirche und dahero vormals 3 Altäre in derselben gewesen und hat ihren eigenen Pfarrer gehabt . . ."

Die ausführliche Stellungnahme von Pfarrer Georg Sann (1681—1717 Pfarrer in Reinheim) bezeichnet die von den Überauern angeführten Gründe als „grundfalsch und lauter Unwahrheiten" und wendet sich zunächst dagegen, daß die Bittsteller die Kirche zu Überau als ihre Kirche bezeichnen, sie sei vielmehr, da Reinheim und Überau eine Gemeinde und eine Bürgerschaft seien, auch eine Kirche der ganzen Gemeinde Reinheim. „Reinheim hat 3 Kirchen, die erste in der Stadt und Ringmauer, zu ordentlichem Kirchen­dienst; die zweite zu Überau, zu den Überauer Leichenbegängnissen und andrer Predigt nach vereinbarter Gelegenheit; die dritte auf St. Nicolsberg, außer der Stadt, auf dem Kirchhof, zu den Reinheimer Leichpredigten geordnet."

Pfarrer Sann fährt dann fort, daß die Überauer die in Frage stehende Kirche „ohne Grund eine Mutterkirche" nennen, „denn man von keinen Filialen weiß, die sie jemals gehabt. Eine Pfarrkirche ist's gewesen, für die Reinheimer Pfarrgemeinde. Sie wollen oft Wersau zum Filial dahin machen, weil in der Kirchhofsmauer ein Türchen, das die Alten ,das Wersauer Türchen' genennet, mag aber eher zu einer Wallfahrt, als zu ordentlichem Kirchgang dahin gewesen sein, maßen am Wersauer Pfarrhof, oben im Schwibbogen ich die Jahrzahl 1400 gelesen. Gesetzt nun, es wäre Wersau vor dem 15. Jahrhundert eine Filial davon gewesen, so ist sie doch noch im Papsttum davon getrennet worden, und werden sie nun die Wersauer nicht wieder verpflichten können, zu ihnen in die Kirche zu kommen; so wenig, als sie noch begehren können, daß die Einwohner in Reinheirn (wie doch noch nach der seligen Reformation vor Erbauung der neuen Kirche in der Stadt geschehen) wechselweise wieder zu ihnen gehen sollen, nachdem der hochseligste Landgraf Ludwig V. seit anno 1610 und 1611 die neue in der Stadt erbaute Reinheimer Kirche zur Pfarrkirche für die ganze Pfarrgemeinde (dazu die Einwohner in Reinheim, Überau und Illbach gehen) gnädigst gemacht haben".

Zur Behauptung der drei Altäre in der Kirche zu Überau schreibt Pfarrer Sann: „welches auch nicht richtig, denn alle schriftlichen Dokumente weisen allein auf zwei Altäre dieser Kirche, der eine St. Jodoci, davon im Papsttum die Landgrafen von Hessen, und der andere St. Maria, davon die von Mosbach das Patronatsrecht gehabt. Es hat aber 1578 Hans Endres Mosbach sein ius patronatus auif den Altären zu Reinheim . . . dem hochseligsten Landgrafen Georg I. gutwillig auf getragen und erblich übergeben, laut eines davon habenden Pergamentbriefs.


Reinheim, Dreifaltigkeitskirche, Kopf Johannes des Täufers

Doch tut dies nichts zur Sache, denn die kleinere St. Nicolai-Kirche hat auch zwei Altäre gehabt".

Die Gemeinde, der 1718 ein Kaplan mit der Verpflichtung zum 14tägigen Predigtdienst zugestandein worden war, versucht in einer erneuten Eingabe im Januar 1741 eine weitere behördliche Verfügung zu erlangen, „daß alle Sonntag eine Predigt, sodann wöchentlich eine Betstunde gehalten, auch die übrigen Sacra (= Amtshandlungen) in ihrer eigenen Kirche zu Überau administriert werden". Das Konsistorium fordert am 26. Januar 1741 den Pfarrer Johann Justus Lanz (1730 - 1743 Pfarrer zu Reinheim) zum Bericht auf. Er äußert sich in ähnlicher Weise wie einst Pfarrer Sann. Zu der wiederum vorgebrachten Behauptung, die Überauer Kirche sei eine Mutterkirche gewesen, schreibt er: „daß Überau mater, Reinheim aber filia, ist ein ungegründetes Vorgeben, indem Reinheim und Überau jederzeit iure parochie (=durch Parochialrecht) eine Bürgerschaft ... und ebenso ist, als ob sie alle in einem Ort wohnet en, daher auch die Einwohner zu Überau die Tore zu Reinheim, als ob sie in Reinheim wohnten, bewachen müssen. Es wird auch nimmermehr erwiesen werden können, daß in Überau jemals öffentlich Gottesdienst gehalten worden, indem die Überauer Kirch nur eine zu einem Kloster gehörige Kapell gewesen, welche seit der Reformation Lutheri wüst gestanden . . ."
Da auch diesmal den Bittstellern der Erfolg versagt bleibt, versuchen sie es, als Reinheim 1743 in Christian Heinrich Zickwolf (bis 1769 Pfarrer in Reinheim) einen neuen Pfarrer erhält, zum dritten Mal, zu einem eigenen Pfarrer zu kommen. Pfarrer Zickwolf, am 30. Januar 1744 vom Konsistorium um seine Stellungnahme ersucht, unterbreitet einen ausführlichen Bericht. Darin sind die Argumente seiner Vorgänger wiederholt und ergänzt: sowohl vor als nach der Reformation sei Überau in politischen und kirchlichen Dingen „gänzlich mit Reinheim kombiniert." „Nachdem ihnen aber in diesem Jahrhundert eine eigene Schule, und seit 1718 ein Kaplan gnädigst ist verwilligt worden, so wollen sie nun gar einen eigenen Pfarrer haben, und das alles auf Rechnung der Pfarr, ohne daß sie sichs einen Heller wollen kosten lassen." Überau sei auch keine „separierte Gemeinde", wie es im Gesuch hieß, sondern „eine Vorstadt und inkorporierte Leute". Sie könnten nicht nur alle 14 Tage eine Predigt in ihrer Kirche hören, sondern es werde ihnen Gottes Wort auch in Reinheim verkündigt, wo sie „Platz genug in der hiesigen räumlichen Kirche haben, auch den Kirchgang anhero lange nicht so weit, als die Einwohner in der alten Vorstadt zu Darmstadt. Wenn nun mancher vornehme Minister daselbst mit seiner Familie sichs nicht verdrießen läßt, nach der Stadtkirchen zu seiner Erbauung zu gehen, wie mögen dann die Überauer sich beschweren, einen so kurzen und mehrenteils gepflasterten Weg nach der hiesigen Kirche zu gehen?" Und weil im Gesuch das Hochwasser der Gersprenz als Hinderungsgrund für den Kirchenbesuch in Reinheim erwähnt ist, schreibt Pfarrer Zickwolf dazu: „Wenn vorgegeben wird, daß es sich begeben habe, daß 6 oder mehr Wochen kein Mensch aus Überau nach Reinheim habe kommen können... so haben einige teils über ihre Unwahrheit sich geärgert, teils gespottet und gemeint, es müsse das zur Zeit der Sündflut geschehen sein, sonsten sei dergleichen niemalen erhöret worden., ist auch nicht au vermuten, denn die Gensprenz ist bekanntlich eine kleine Bach. Wenn nun im Odenwald starke Platzregen fallen oder ein häufiger Schnee plötzlich losbricht, so lauft sie an und oft über ihre Ufer, aber in einem oft halben Tag ist sie auch wieder gefallen, und nie wird sie wohl so groß, daß man nicht über die Brücke zu Pferde auch wohl trockenen Fuißes über den sogenannten langen Steg sollte kommen können..."

Landgraf Ludwig VIII. hat am 18. Dezember 1744 auch dieses Nachsuchen der Gemeinde Überau „abgeschlagen und verordnet, daß es bei der bisherigen Verfassung bleiben solle". 18) Es läßt sich aber aus den wiedergegebenen Ausführungen von 1716 und 1741 entnehmen, daß einmal engere Verbindungen zwischen Überau und Wersau bestanden haben. Das heute noch in der Überauer Kirchhofsmauer erhaltene „Wersauer Türchen", ein kleiner rundbogiger Durchlaß von 1,78 m Höhe, stammt aus der Gründiungszeit der Kirche, dem frühen 13. Jahrhundert. Seine Gewände weisen auch einige Wetzrillen auf, wie sie an alten Kirchen öfter vorkommen. Die heutige Pfarrkirche von Überau ist ein überaus merkwürdiger Bau. Er ist querrechteckig angelegt gewesen, seine Ostteile, an die sich ein rechteckiger Chor anschloß, enthielten mächtige Säulen, die in ganzer Raumbreite ein drei Joche umfassendes Gewölbe trugen. Dieser Bau ist zu gotischer Zeit, wohl noch im 14. Jahrhundert umgestaltet worden, wobei der Chor seinen dreiseitigen Schluß und sein Rippengewölbe und der Turm seine jetzige Gestalt erhielten. Das flachgedeckte Schiff entstand erst um 1500. Der eigentümliche Grundriß der ursprünglichen Kirche läßt einen besonderen Zweck vermuten. Sie scheint mehr eine Priester- als eine Laienkirche gewesen zu sein. Ob da nicht die Äußerung von Pfarrer Lanz, sie habe zu einem Kloster gehört, auf die Lösung des Rätsels weist, ja, ob nicht die einstige Zusammengehörigkeit von Überau und Wersau sich daraus erklärt, daß beide Liegenschaften einer kirchlichen Stiftung, am ehesten eines Klosters waren? Auch die Namen der Orte deuten in diese Richtung: Überau heißt „obere Aue" 'und Wersau „niedere Aue". Der Standort dessen, der diese Namen zuerst gebrauchte, müßte zwischen den beiden Ortschaften gelegen haben.

Nun gibt es in der Reinheimer Gemarkung einen „Klostergrund" und zwar im Gewann „Schaubach" westlich "der Straße von Reinheim nach Groß Bieberau. Die Volkssage will wissen, daß dort einmal ein Kloster gestanden habe 19). Wer es gegründet hat, welchem Orden es gehörte und wann es untergegangen ist, vermag niemand zu sagen. Beim Pflügen sollen dort schon Mauersteine, auch römische Scherben und Ziegel mit Stempeln zum Vorschein gekommen sein. Es wird auch überliefert, daß die Pfarrei Reinheim mit den Gütern eines Klosters ausgestattet worden sei. So könnten Überau und Wersau ursprünglicher Besitz dieses Klosters gewesen und dann an Reinheim gelangt sein. Vielleicht, daß über das Kloster in der Schaubach - am Schaubacher Berg, wo heute noch Wingerte bestehen, ist auch der älteste Weinbau von Reinheim bezeugt - wenn nicht geschriebene Urkunden, so doch der Spaten oder die Pflugschar mehr an den Tag bringen.


Kruzifix vom Ende des 17. ]ahrhunderts und Lesepult in der Dreifaltigkeitskirche zu Reinheim

Anmerkungen:
15) W. Müller, Ortsnamenbuch, Starkenburg, S. 362.
16) W. Diehl, Baubuch (Hassia sacra V), S. 139 f.
17) W. Diehl, Hessen-darmstädtisches Pfarrer- u. Schulmeisterbuch (Hassia sacra I), Friedberg 1921, S. 144 f.
18) Der gesamte Vorgang im Ev. Pfarrarchiv Reinheim.
19) Volk und Scholle, 1/1922—23,8 175.