Beschreibung - Die Gersprenz


Informationen aus dem Büchlein "Das Gersprenz Wanderbuch" (Auszüge)
für Rad- und Fußwanderer
Von der Quelle bis zur Mündung

(Georg Hax, Babenhausen)

Vorbemerkung

Der Odenwald ist eine vorzügliche Wanderlandschaft und vom Odenwaldklub mit einem dichten Netz schöner Wanderwege ausgestattet. Entlang den Wasserläufen fehlt manchmal ein Fußweg, weil in den Tälern einfach kein Platz ist. Andere sind durch Straßen erschlossen und darum ist die Beschaulichkeit da manchmal doch merklich gestört.

Ein Wasserlauf hebt ja in besonderer Weise die Lieblichkeit einer Landschaft. Darum will dieser Wanderführer gerade die Gersprenzlandschaft mehr in das Bewußtsein der Wanderer und Anlieger rücken.

Diese Wegbeschreibung für Fuß- und Radwanderer zeigt, wo es an der Gersprenz entlang geht, auch da wo es keine Richtungszeichen gibt. Damit wird die Bachlandschaft, vom Ursprung bis zur Mündung, mit allem was da ist oder war, zur Schau gestellt.

Von den Orten, Städten als auch den Mühlen ist in ausreichender Weise die geschichtliche Entwicklung dargestellt. Ergänzend wird auch auf die Eigenheiten der Namen bzw. Namensgebung eingegangen. Damit dürfte die Gersprenzlandschaft "Total" zum Erleben aufbereitet sein.
Viel Vergnügen und erlebnisvolle Wandertage auf den Wegen "am Bach entlang".


Das Land um die Gersprenz

Odenwald

Zwischen Main, Bergstraße und Neckar erheben sich die Berge des Odenwaldes. An der Westseite, wo das Gebirge steil zur Rheinebene hin abfällt, verläuft die Bergstraße, schon bei den Römern als "Strata Montana" ein Begriff. Nach Norden bauen sich die Berge langsam in ein vorgelagertes Hügelland ab und gehen dann in die Rhein-Main-Ebene über. Im Osten bilden Main, Mudau und der Elzbach den ungefähren Abschluß. Streng genommen ist der Neckar im Süden nicht die direkte Grenze, denn das Gebirge setzt sich südlich des Flusses als "Kleiner Odenwald" fort.

Das Klima an der Bergstraße ist recht mild, wogegen es im inneren des Odenwaldes sehr rauh sein kann.

Auf welchen Ursprung die Bezeichnung "Odenwald" zurückgeht, ist nicht eindeutig geklärt.
Die romantische Deutung "Odins Wald" nach dem germanischen Gott Odin, wird von den Wissenschaftlern nicht (mehr) akzeptiert. Es gibt drei verschiedene Deutungen. Einmal leitet man den Namen ab von den althochdeutschen Wörtern "odi.oda", das heißt unbewohnt, einsam. Zum anderen wird der Wildbann als der Wald verstanden, der an Lorsch (Kloster) verliehen, althochdeutsch "odan" genannt wurde. Drittens könnte der Name aus einer Ableitung von einem germanischen Personennamen, in dem der Wortstamm "Ot oder Öd" vorkommt, entstanden sein.

Die höchsten Berge in diesem Gebiet sind im Süden der Katzenbuckel mit 628 m, im Zentrum die Neunkirchner Höhe mit 605 m, der Hardtberg mit 592 m, die Tromm mit 580 m sowie im Westen der Melibocus mit einer Höhe von 515 m. Am Rande findet man die Reste von erloschenen Vulkanen. Erwähnenswert ist der Otzberg und der Roßberg bei Roßdorf, wo jetzt noch Blaubasalt abgebaut wird.

Zahlreiche Wasserläufe durchziehen den Odenwald. Im wesentlichen verlaufen die großen Bäche in Nord-Süd Richtung und münden in Rhein, Main und Neckar.

Die Täler des hinteren und südlichen Odenwaldes sind steil und tief eingeschnitten. Sie sind landschaftlich sehr reizvoll, Jedoch nicht so dicht besiedelt. Im Gegensatz dazu zeigt das Landschaftsbild vom Mümling- und Gersprenztal sanfter ansteigende Berghänge und eine dichtere Besiedlung.

Mainebene

Der Spessart und der Odenwald mit der Fortsetzung im Messeler Hügelland bilden die östliche und südliche Grenze der Mainebene. Nach Norden und Südwesten geht diese in die Rheinebene über. Von einigen Ausnahmen abgesehen, ist Sand die Bodenart dieses Gebietes.

Weite Teile dieses Gebietes sind mit Nadelwald bewachsen. Die wesentlichen Wasserläufe sind neben dem Main die Gersprenz und die Rodau. Landschaftliche Schönheiten sind in der Gegend recht rar. Dieser Mangel wird durch zahlreiche historische, geschichtsträchtige Objekte ausgeglichen. Schon in der allerfrühesten Zeit war diese Region bewohnt. Heute ist dieses dichtbesiedelte Land ein wesentlicher Teil des Rhein-Main Wirtschaftsraumes.


Gersprenz, Name und Ursprung

Im Lorscher Codex aus dem Jahre 786 gibt es erstmals die Erwähnung "Caspenze". Die erste Silbe dieses Wortes kommt aus dem altirischen "car oder cas" für Bach. Man muß beachten, daß die ersten Mönche, auch Bonifacius war einer von ihnen, aus Irland kamen und maßgeblichen Anteil an der Entwicklung unserer Sprache hatten, wogegen die zweite Silbe "enze" aus dem Althochdeutschen kommt. Sie heißt so viel wie "fließendes Wasser".

Man kann davon ausgehen, daß irische und fränkische Mönche die Namensgeberwaren, indem sie die Eigenschaften des Wasserlaufes mit schnellfließender, spritziger Bach übersetzten.

Allgemein besteht die Ansicht, daß die Gersprenz auf der Neunkirchner Höhe entspringt. Die Kartographen wissen das anders, sie hat gar keine Quelle. Östlich von Reichelsheim wird sie durch den Zusammenfluß von Merg- und Osterbach gebildet. Der Mergbach, dessen Quelle auf der Neunkirchner Höhe ist, wird seit eh und je als Gersprenzquelle angesehen. Wohlgemerkt, nur von den Nichteingeweihten, die Einheimischen sagen Mergbach.

Die schöne, romantische wie auch volkstümliche Ansicht zu der Quelle soll unangetastet bleiben. Der Name "Mergbach" besagt nicht viel, "Gersprenz" aber ist ein überörtlicher Begriff und hat Vorrang.


Die Neunkirchner Höhe

Das Bergmassiv beherrscht das Zentrum des Odenwaldes. Es ist ein Bergrücken aus hartem, grauem Granit und vorwiegend mit herrlichem Hochwald bestanden. Nach dem Katzenbuckel ist es die zweithöchste Erhebung des Gebirges.

Der schlanke Turm wurde 1907 vom Darmstädter Odenwaldklub errichtet. Er heißt dem damaligen Zeitgeist entsprechend "Kaiserturm". Er ist 34 m hoch, und in ihm ist die höchstgelegene Gaststätte der Region. Wegen der dominierenden Aussicht ist er zu einem Qualitätsbegriff für den Odenwald geworden. Im Westen, nur wenige Kilometer entfernt, sind die Kuppen und Spitzen der Bergstraße aufgereiht. Nach Süden und Osten zu präsentiert sich der Odenwald in seiner ganzen Größe und Schönheit mit Wäldern und Bergen. Richtung Nordost erhebt sich ein langgestreckter Höhenzug, der das Gersprenztal vom Mümlingtal trennt. Die Böllsteiner Höhe, der Tannenkopf und die Hassenrother Höhe sind dessen wesentliche Erhebungen. Weiter im Norden sieht man das waldfreie Reinheimer Hügelland.

Gleich unterhalb der Neunkirchener Höhe bildet sich ein Hochtal mit dem Reihendorf Winterkasten, wo am Waldsaum die Gebäude eines Sanatoriums über Baumgipfel ragen. Diese Klinik ist im vorigen Jhd. von der hessischen Großherzogin Eleonore für lungenkranke Untertanen gestiftet worden.ein Zeugnis dafür, welch gute Wirkung damals schon die gesunde Luft des Odenwaldes hatte. Bis in die fünfziger Jahre ist die Anlage zur Behandlung und Nachsorge lungenkranker Leute genutzt worden. Dank des Klimas, der ruhigen Lage und der ansprechenden Umgebung ist seitdem das Sanatorium zur Nachbehandlung von herz- und kreislauferkrankten Menschen.


Winterkasten

Winterkasten ist die erste Ortschaft am Gersprenzlauf, (die letzte ist Stockstadt/Main). Es ist ein typisches Reihendorf mit noch gut erhaltenem bäuerlichen Gepräge. Man sieht noch schöne Hofreiten mit Fachwerkhäusern, die in Viereckform angelegt sind (fränkischer Stil).

Seinen Namen hat der Ort erhalten, als der Waldbauernflecken noch zum Kloster Lorsch gehörte. Damals stand hier eine Zentscheune, die dem Kloster als Vorratslager diente. Man nannte sie "Winterkasten", denn höhenbedingt dauert die kalte Jahreszeit dort länger als in den tieferen Lagen. Verwaltungsmäßig gehört das Dorf zum Landkreis Bergstraße. Verkehrsmäßig ist es etwas stiefmütterlich dran, denn es liegt abseits der Nibelungenstraße (B 47). Gleich unterhalb des Ortes ist neben dem Weiterweg das urigste und interessanteste Stück des Gersprenzlaufes. Im Steilabfall stürzt der Bach wild und ungebändigt über Felsen zu Tal. Leider ist der Zugang nicht so leicht zugänglich, mit etwas Spürsinn findet man am Haus Nr. 18 einen Steig dahin.


Gumpen

Als Namensgeber für Gumpen ist die Bezeichnung "Gumpe" anzunehmen. Das bedeutet Wasserloch, tiefe Stelle in einem Wasserlauf oder See.
Oberhalb Gumpens ist das Gumpener Kreuz, ein Straßenknotenpunkt an der Wasserscheide zwischen Gersprenz und Weschnitz. Reichelsheim erfüllt eine Mittelpunktfunktion im oberen Gersprenztal und zentralen Odenwald und das nicht erst seit jüngster Zeit. Die Siedlung wurde bereits um das Jahr 250 von den Alemannen gegründet. Der heutige Kirchenhügel muß wegen seiner günstigen Lage als erste Wohnstätte angesehen werden. Er bot eine ausreichende Wasserversorgung und bei einer Bedrohung Sicherheit. Denn an drei Seiten ist er von sumpfigem Gelände umschlossen gewesen. In die zweite Siedlungsepoche, da waren die Franken Landesherren, wird auch die Namensgebung zurückgeführt.

Dazumal soll ein Vogt des Frankenkönigs Chlodwig namens Richoldes, Richold oder Reichold, hier Verwalter gewesen sein. Nach ihm nannte sich auch das entstehende Gemeinwesen. Nach Einführung des Christentums entstand auf dem Hügel die erste Kapelle, die ist über einer germanischen Kultstätte errichtet worden.
Die Gemeinde entwickelte sich zum einstigen Hauptort der gleichnamigen Zent, in der 14 Orte zusammen geschlossen waren.

Dank der Lage und dem romantischen Gepräge, das durch den Marktplatz mit dem Rathaus von 1554 und der Kirche von 1718 als auch dem Zufluß des Eberbaches bestimmt wird, hat sich das Dorf nicht nur zum Wirtschaftsmittelpunkt entwickelt, sondern auch zum Fremdenverkehrsort herausgeputzt.

Hier endete einst eine Bahnlinie, bekannt unter dem Namen "Odenwälder Lieschen". Weitgehend unbekannt sind die Gründe, warum diese Bahn überhaupt gebaut wurde, gewiß nicht, daß der Großherzog in den Odenwald fahren konnte oder die Bauern ihre Waren nach Darmstadt auf den Markt bringen konnten.

Der 10. Oktober 1887 war der Auftakt für den Abtransport des Mangangesteines, das im Bereich des Ostertales und bis hinauf nach Weschnitz abgebaut wurde. Mangan ist ein Legierungselement, um Eisen zu veredeln. Das Material wurde nach Lothringen transportiert und mit dem dortigen Eisenerz zu Stahl verschmolzen. Der Bahnbau ist durch Reparationsleistungen aus dem Krieg 1870/71 von Frankreich bezahlt worden.

Oberhalb von Reichelsheim erhebt sich die Burg Reichenberg. Sie ist durch den Schenk Johann I von Erbach 1250 als Verwaltungssitz für die Zent gebaut worden. Im dreißigjährigen Krieg fanden auch die Untertanen darinnen eine sichere Zuflucht. 1518 hat sogar der berühmte Maler Grünewald dort gearbeitet und einige Räume ausgeschmückt.

Seit der ersten Hälfte des 18. Jhd., als der letzte Graf gestorben war, verfiel die Anlage. Nach der Inflation 1923 verkaufte das Haus Erbach das gesamte Burggrundstück. Heute ist die Burg wieder renoviert und wird von der Heidelberger Glaubensbewegung OJC als Gaststätte betrieben. Alkohol und Nikotin sind da aber nicht zu haben.
Sehenswert sind der "Krumme Bau", die Kapelle und ein schöner Renaissance Brunnen.


Osterbach mit dem Erzbachtal

Zu einer Abhandlung über die Gersprenz gehört auch der Osterbach mit dem Erzbachtal. Weil es aber fußwandererunfreundlich ist, es sei denn, man ist mit der Fahrstraße zufrieden, wird ein Abstecher nur den Radwanderern empfohlen. Das obere Tälerdreieck läßt sich über die Siegfriedstraße zu einer attraktiven Runde verbinden. Es müssen aber 200 Höhenmeter überwunden werden.

Der Name Erzbach weist darauf hin, daß hier einst manganhaltiges Gestein abgebaut wurde. Über dessen Abtransport ist schon berichtet worden. Zu der Namensgebung "Oster" gibt es unterschiedliche Deutungen. Ob es tatsächlich mit der germanischen Frühlingsgöttin "Osteria" etwas auf sich hat, ist ungewiß, aber es paßt so schön in den Sagenkreis dieser Landschaft.


Beerfurth

Aus heutiger Sicht gibt es nur einen Ort Beerfurth. Es sind aber zwei Orte, die durch die Gersprenz getrennt sind. Zum diesseitigen gehört die Vorbezeichnung "Pfaffen" zum jenseitigen "Kirch".
Pfaffen-Beerfurth war und ist heute noch ganz minimal die Heimat der Odenwälder Lebkuchenbäcker. Früher wurden diese Leckereien in einer Art Heimbäckerei hergestellt und besonders nach Darmstadt in die Residenz verkauft. Heute gibt es noch zwei Betriebe, die österliche und weihnachtliche Schokoladenfiguren herstellen.

Als Gegengewicht sind in Kirch-Beerfurth die Holzspielzeugmacher daheim gewesen. Sie fertigten "Schockelgailchen" an, also Schaukelpferdchen.

Fragt man nach der Namensgebung, so wird es wieder sagenhaft. Hier sei die Furt der Bären gewesen. Sagenhaft ist es auch um das Beerfurther Schlößchen bestellt. Wenige Mauern zwischen Felsgestein zeigen, daß da einmal etwas war, aber was? Niemand weiß es.


Fränkisch-Crumbach

Fränkisch-Crumbach ist ein sehr interessantes Dorf, nimmt in der Sagenwelt des Odenwaldes einen dominierenden Platz ein und hat ein ansehnliches Ortsbild. Erwähnenswert ist auch die Gastronomie. Man ist da in jeder Beziehung gut aufgehoben.

Schon 1150 ist beurkundet, daß die Herren von Crumbach hier Besitz und ihren Wohnplatz hatten. Hundert Jahre später machten sie sich daran, die Burg Rodenstein zu bauen und änderten auch dementsprechend ihren Namen. Im Zentrum des Ortes ist die ev. Kirche mit der Gruft der Herren von Rodenstein. Am bemerkenswertesten ist der Epitaph des Junkers Hans, der allerdings nicht hier begraben ist, sondern auf einem Friedhof bei St. Peter in Rom. Um das Jahr 1500 fand er dort seine Ruhestätte.

Ein Schmuckstück besonderer Art sieht man an der Außenseite der Kirche. Es ist die Darstellung des bäuerlichen Jahresablaufes auf einer 4 x 4 m großen Keramikplatte. Gleich dabei ist auch das Heimatmuseum. Es zeigt wunderbar die Gegebenheiten des bodenständigen Handwerks und was es sonst so mit der Historie auf sich hat.

Trotz neuzeitlicher Fortentwicklung des Ortes spürt man immer noch das Flair einer ehemaligen Miniresidenz. Der Baron, vom Baron dem Baron sind Ausdrücke, die man immer wieder hört oder spürt. Das kommt noch verstärkt zum Ausdruck, weil mitten im Dorf der repräsentative Wohnsitz der Freiherren von Gemmingen-Hornberg ist. Das alte Gepräge wird unterbrochen durch die moderne Form der kath. Kirche, wie der Bug eines Schiffes ragt sie am Hang auf. Wenn man auf dem bisherigen Weg ein Rauschen in der Luft hörte, dann muß das nicht unbedingt der Wind gewesen sein; es kann auch der Geisterzug des "Wilden Heeres" der Rodensteiner den Wirbel gemacht haben.

Um deren Ruine im Wald zwischen Eberbach- und Crumbachtal rankt sich die bekannteste und wohl auch schönste Sage des Odenwaldes. Schon seit Generationen geht die Mär, daß der wilde Jäger, genannt Rodensteiner, bei beginnender Kriegszeit mit seinem Gefolge in der Nacht vom Schnellerts zum Rodenstein zieht. Dann braust die wilde Jagd mit Hundegebell, Pferdegewieher, Kettengerassel und Hussarufen durch die Lüfte und erschreckt die Bewohner des Tales. Die Erbachsche Behörde hat vor 180 Jahren noch diesen Tatbestand aufgezeichnet und zu Protokoll genommen.

Selbst zu Beginn der letzten beiden Weltkriege wollen Leute den wilden Zug gehört haben. Die Sage erzählt weiter, daß sich nach Ende des Krieges die Schar zum Schnellerts zurückzieht. Nicht nur die Geschichte um die wilde Jagd rankt sich um den Rodensteiner, es gibt noch viele Erzählungen von dem trinkfreudigen, jagdlüsternen Ritter.
Ganze Generationen von Schülern der ehemaligen Provinz Starkenburg haben dessen Taten in den Schulbüchern gelesen, empfingen dadurch ein ehrfürchtiges Schaudern, und die Alten lebten mit dem Wissen, daß es doch noch überirdische Dinge gibt.
Wenn irgendwie möglich, sollte man die Ruine Rodenstein in die Tour einbeziehen. Sowohl von Fränikisch-Crumbach, als auch von Reichelsheim aus, gibt es passende Wege dahin. Die Anlage ist neu hergerichtet und wirklich sehenswert.

Nach Westen zu begrenzt die bewaldete Nonroder Höhe den Taleinschnitt und jenseits gegen Osten gewandt, zieht über den Dörfern Nieder-Kainsbach und Brensbach die Böllsteiner- und Hassenrother Höhe.

In einem seitlichen Einschnitt dieser Berge findet man über Stierbach die spärlichen Reste der Kleinburg Schnellerts. Mehr als ein festes Haus wird es nicht gewesen sein, das bezeugen die restlichen Fundamente der Ringmauer und des Turmes. So wie die Mauern verschwunden sind, ist auch das Wissen um die Burgherren verlorengegangen. Allein in der Erzählung vom wilden Heer lebt es weiter.
Nahe des Straßen T an der B 38 steht auf einem flachen Hang eine kleine Kapelle.Sie soll die Erinnerung an die verlorene Heimat der hier angesiedelten Vertriebenen wachhalten.

Brensbach, mit seinem Ortsteil Wersau, kann man als das Ende des idyllischen Teilstückes vom Odenwald-Gersprenzlauf bezeichnen. Bis hierher sind die regulierenden Maßnahmen vorgedrungen, um die Gersprenz zu bändigen, daß es keine Überschwemmungen geben soll. Dachte man ...

Brensbach hat eine wunderschöne gotische Kirche mit einer Sandsteinkanzel von 1526. Hier ist der 1914 verstorbene Odenwalddichter Karl Schäfer geboren. Überhaupt stammen aus dem Ort mehrere Pädagogen, denen man jetzt noch besondere Achtung entgegenbringt.
Wersau hat eine alte Wehrkirche die 1468 entweder errichtet oder umgebaut wurde. Vom Wanderweg aus sieht man sie allerdings nicht. In dieser kleinen Gemeinde hat sich eine Schwerathletikgruppe über all die Jahre gehalten und vielen großen Vereinen das Fürchten gelernt.


Groß-Bieberau

Der Ort ist ein lebhaftes Gemeinwesen und darf sich seit 1312 Stadt nennen. Bis 1479 ist er eine Enklave der Taunus-Grafen Katzenelnbogen gewesen. Dann hat ihn sich Hessen Darmstadt einverleibt.

Von der Ackerbauernstadt hat sich der Ort kontinuierlich zur Gewerbesiedlung entwickelt. Das kommt deutlich zum Ausdruck, wenn man erkennt, wie sich aus der Holzspielzeugherstellung Drexlereien entwickelt haben. Nach 1920 entstanden daraus Werkstätten, die Hörn oder Kunststoffe verarbeiteten. Vorwiegend waren es Füllhalter und Drehbleistifte.

Aber auch bestimmte Industriezweige brauchten Gegenstände, die Drexlreien herstellten. In den Jahren nach 1950 erfolgte eine erneute Reform. Es gab nichts mehr zu drexeln, sondern es wurden aus Kunststoffgranulat fertige Teile gespritzt. Diese Erzeugnisse haben wir täglich in allen Variationen in der Hand und um uns. Neben diesen Betrieben sieht man noch die Produkte der Steinindustrie und wen es gelüstet der trinkt Bieberauer Bier.

Das Stadtwappen zeigt einen aufrechtstehenden" Bieber", und die Namensgebung besagt, daß hier die Au der Bieber gewesen sei. Möglich ist das schon, denn das Gelände und die Gersprenz waren der rechte Lebensraum für diese Nager.

Am einfachsten ist es, den Weiterweg zu finden, wenn man auf der Durchgangsstraße bleibt. Bei der zweiten Ampel, das ist kurz vor der Firma Merz und Krell und fast am Ortsende, rechts ab.


Reinheim

Reinheim erfüllt nach wie vor eine Mittelpunktfunktion. Das Städtchen hat sich zielstrebig vom bäuerlichen Zentmittelpunkt zum lebendigen Handels-und Industriestandort entwickelt. Einstmals waren es fortschrittlich eingestellte Landwirte, die den Frühkartoffelanbau hochbrachten. Besonders ist die "Odenwälder Blaue" zu einem Begriff geworden. Jetzt ist es das Industriepolster, auf dem die Stadt gut gebettet ist. Kann die sich doch auf einen Stamm von Facharbeitern stützen, die früher als Auspendler weit zur Arbeit fahren mußten.

Für die Namensgebung gibt es unterschiedliche Auslegungen. Eine bezieht sich auf die Personenbezeichnung "Ringo", andere sehen in Reinheim einen Zusammenhang mit dem vorgermanischen Wort für Ruß.

Dem Grafenhaus Katzenelnbogen gehörte die Zent Reinheim, und in dem Hauptort saß ein Verwalter oder Vogt. In der Geschichtsschreibung liest man den Namen "Kalb von Reinheim". Sie hatten dort eine Wasserburg, wo seit 1611 die jetzt noch stehende Kirche ist. Schon im Jahre 1318 sind dem Ort die Rechte einer Stadt zuerkannt worden. Ein weiteres Zeugnis aus der Vergangenheit ist das "Hofgut", der ehm. Erbsitz der Familie Willich, genannt von Pöllnitz. Dieses ehmalige Herrenhaus mit großem Park gehört seit 1961 der Stadt. Daran grenzt das neue Rathaus, ein Altenzentrum und die Turnhalle. Das "Hofgut" wird jetzt als Heimatmuseum und für Trauungen verwendet. Daß der Kirchturm im oberen Teil in Fachwerkbauweise ausgeführt ist, ist auch nichts Übliches.

Nach Reinheim wandelt sich die Landschaft ganz gründlich. Das Tal verliert sich im Flachland des Vorodenwaldes. Entlang des begradigten Bachlaufes säumen Pappelreihen das Ufer. Zu Gunsten des Feldbaues und wegen Überschwemmungen ist das Wasser in ein vorgeplantes Bett gezwungen. Sicherlich brachten die sich ständig wiederholenden Hochwasser in mehrfacher Hinsicht Nachteile und Schäden. Aber jetzt wird der abgeschwemmte gute Boden nicht mehr am Unterlauf abgelagert und verbessert dadurch die Güte der Äcker und Wiesen. Nach jedem starken Niederschlag sieht man, wie die braungefärbte Gersprenz den fruchtbaren Lös in den Main trägt.

In der hochsommerlichen Zeit, bei Niedrigwasser, sieht die Gersprenz in den tiefen Gräben gedemütigt und verloren aus. Müde und still durchfließt sie das Land. Was an Seitenbächen noch zufließt, wie der Kains-, Bier-, Kohl-, Fisch- und Wembach reicht nicht aus, um sie wieder zu dem zu machen, wie sie von den Mönchen genannt wurde: "fließend, springend".

Das Gelände zwischen Reinheim und Dieburg hat auf eine Länge von 10km nur 14 m Gefalle. Da sucht sich das Wasser in mehreren Gräben langsam seinen Lauf. Radfahrer mögen es wenn es so sachte, steigungslos dahingeht.


Dieburg

Obwohl Dieburg, wie kaum eine Stadt an der Gersprenz, sich auf eine nachgewiesene Vergangenheit bis ins zweite Jhd. beruft, können die Forscher und Historiker nicht sagen, woher der Name kommt. Ob er bedeutet, daß das der Platz war, wo "die Burg" stand?
Zur Zeit der Römer ist jedenfalls der Ort entstanden. Es war sicher ein befestigter Platz, aber kein Kastell wie sie den Limes entlang die Grenze sicherten. Der Lage nach war es eine Nachschub- oder Versorgungsbasis für die Besatzungstruppen in den Festungen am Main. Heute noch kann man die Uraltwege nachvollziehen. Unter dem römischen Kaiser Trajan nannte sich diese Militärbasis "Auderia" und war Mittelpunkt der "Civitas Audeiensium". Als Glanzstück der römichen Hinterassenschaft darf man das 1926 gefundene Mithras Kultbild (im Museum) betrachten.

Im Mittelalter war Dieburg im Besitz der Herren von Büdingen und Ysenburg gewesen, bis diese die Stadt 1277 an Kur-Mainz verkauften. Die Erhebung zur Stadt hat 1277 Rudolf von Habsburg vorgenommen. Es saßen also in den Schlössern immer nur Amtsleute des mittleren Adels.

Bedeutungvoll ist auch die Marienkapelle mit dem wundertätigen Muttergottesbild, das alljährlich von vielen Wallfahrern besucht wird. War Dieburg ehedem eine Stadt der Ämter, Verwaltungen und Schulen, so hat man die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und ein sehransehliches Gewerbe-und Handelszentrum installiert, das mit der Gemeinde Münster zu einem Industriegebiet geworden ist.


Münster

Das Dorf Münster der Jetztzeit ist ein sehr lebhaftes Gemeinwesen und hat von der hergebrachten klösterlichen Ackerbausiedlung nichts in die Neuzeit übernommen. Von 1950 bis 1970 hat die Einwohnerzahl um 100 % zugenommen. Die Masse der Einwohner hat schon seit der Jhd. -Wende ihren Lebensunterhalt als Auspendler in den umliegenden Industriestandorten verdient. Jetzt ist auch da ein Wandel eingetreten, der Schornstein raucht im Ort. Auffallend, wie viele schöne Häuser und Straßenzüge entstanden sind.

Münster gehörte in der fränkischen oder karolingischen Zeit zum Streubesitz des Klosters Lorsch und bezieht seinen Namen vom lateinische "monasterium", was soviel wie "zum Kloster gehörig" bedeutet. In früheren Erwähnungen von 782 ist die Rede von einem Kloster "Neuenhof" im "Raodora". Roden, Ober- und Nieder-Roden im Rodgau. Ebenso ist der Weiler Werlach genannt. Es gibt jetzt noch zwischen Eppertshausen und der Gersprenz einen Hof gleichen Namens.

Doch schon 1489 wird die Siedlung als "verheertes Dorf" bezeichnet. Bis der Ort 1771 zu Hessen-Darmstadt kam, hatte er verwirrende Wandlungen durchzustehen. 1304 gehörte er zu fünf Sechstel den Grafen von Falkenstein, das restliche Sechstel hatten die Hanauer, die in Babenhausen saßen.

Auf dem Weiterweg zeigt sich die regulierte Gersprenz als gerader Strich in dem ebenen Gelände, der mit einer Doppelreihe von Pappeln umstanden ist. Mittlerweile sind diese zum Teil schon als schlagreifes Holz gefällt worden. Durch den Aufstau vor Hergershausen wird dem Wasser der Schwung genommen, und es steht mehr als es fließt. Kein Nachteil ohne Vorteil. Durch die Abgeschiedenheit und Stille der Landschaft ist hier ein idealer Lebensraum für die Tiere entstanden. Wegen der oftmals versumpften Wiesen gibt es keine Wege, also die echte Grundlage für Naturschutzgebiete. Im zeitigen Frühjahr tummeln sich hier die Kibitze. Am südlichen Horizont zeichnen sich die Ausläufer des Odenwaldes ab, dessen höchste Erhebungen sind der Binselberg und die Oberhöhe über Klein Umstadt.


Babenhausen

Babenhausen ist keine Stadt, an der man so einfach vorbeifährt, denn sie ist in historischer Hinsicht die bedeutendste Siedlung am Gersprenzlauf. Der schöne mittelalterliche Stadtkern ist noch ganz erhalten, ebenso die einstige Wehrmauer. Jedoch sind von den 7 Wehrtürmen nur noch zwei übrig geblieben. Der Hexenturm ist zum Symbol der Stadt geworden. Vor allem in der Amtsgasse und der Fahrstraße (Fußgängerzone) sieht man an der Häufigkeit und Größe der Gebäude, in welchen damals die adligen Familien der Amtsleute wohnten, daß Babenhausen eine Residenz gewesen ist. Das ansehnliche Schloß, es ist aus einer Wasserburg hervorgegangen, war nicht nur Sitz eines Amtmannes, sondern es wohnten und regierten von hier aus eine wesentliche Zeitspanne die Grafen von Hanau-Münzenberg, später Hanau-Lichtenberg. Das Kostbarste und Feinste, mit dem die Stadt aufwarten kann, ist der holzgeschnitzte Altar in der Stadtkirche. Dieses Kunstwerk von 1518 stellt sich ebenbürtig an die Seite der großen Holzschnitzerarbeiten des fränkischen Raumes. Bedauerlicherweise ist das Wissen, wer der Meister gewesen ist, verloren gegangen. In der Regel hat man nur in der Sommerzeit, Samstag nachmittags, Zutritt in die Kirche, ansonsten nach Absprache mit dem Pfarramt nebenan.

Die Burg neben dem Breschturm ist das Stammhaus des ältesten Adelsgeschlechtes, der Herren von Babenhausen. Einer ihrer Abkömmlinge ist der Hochmeister des Deutsch-Ritterordens gewesen. Sein Trinkhumpen ziert die gleiche Figur, ein Fuchs mit einer Gans im Fang, wie sie am Portal zu sehen ist. "Babenhäuser Willkomm" wie der Humpen genannt wird, steht leider in Wien unter Verschluß, schade für Babenhausen.

Als die kritischsten, schwersten Zeiten der Stadt darf man jene Epochen bezeichnen, wo das Geschehen von militärischen Operationen bestimmt wurde.1635, als die kleine Stadt mit 6000 Flüchtlingen zusätzlich belegt war, haben kaiserliche Truppen vergeblich versucht, den Schweden mitsamt den städtischen Milizverbänden die Herrschaft zu entreißen. Die Bresche am Breschturm zeugt noch davon.

1944/45 waren es wieder Bomben und Granaten, die zerstörten, was Generationen geschaffen hatten. Die Verkehrslage, Eisenbahnschnittpunkt, Fernstraße und militärische Einrichtungen waren exponierte Ziele der alliierten Angreifer. Babenhausen war schon vor der Jahrhundertwende Garnisonsstadt (die einzige an der Gersprenz) einer Dragoner Einheit. Um 1900 hat eine Artillerie-Abteilung Einzug in die Kaserne gehalten, dann kam Kavallerie und um 1939/40 ist noch die Luftwaffe gekommen. Jetzt ist die Kaserne mit amerikanischen Soldaten belegt.

Als Namensgeber wird ein fränkscher Edeling herangezogen, der als Wildbannhüter hier im Bachgau die Grenze des Reichsbannforstes Dreieich zu sichern hatte. Babo soll er geheißen haben. Aus dem Haus des Babo wurde eine Burg, und um die entstand am Übergang der Bachniederung eine Siedlung.

Alle Gewerbebetriebe, von denen die Stadt lebt, sind bedeutungsvolle Unternehmen, zwei sind weltbekannt. Dessen ungeachtet, den richtigen Geschmack von Babenhausen bekommt man erst durch das bodenständige Michelsbier. Im Stadtbereich Babenhausens war eine Kozentration von 12 Mühlen, bei acht drehte das Gersprenzwasser die Räder.

In Hergershausen ist es die Langfeldsmühle von der man weiß, daß sie 1692 erbaut wurde. Im Jahre 1735 hat der Erbbestandsmüller Wendel Kolb den Mahlbetrieb zu einer Ölmühle erweitert. Bis 1878 sind die "Kolb" Besitzer der Mühle gewesen, dann ging sie an die Familie Hetzel über. Seit 1936 wird nicht mehr gemahlen.

Von der Sickenhöfer Mühle ist aktenkundig, daß sie bereits 1350 bestand und dem Winter von Wasen gehörte. Dann liest man den Namen Kolb, Hohenschild und Nungesser. Seit 1930 werden weder Korn noch Ölfrüchte verarbeitet, die Räder stehen still.
Wenn man Konfurter Mühle sagt, wird meist vergessen, daß es bis in den dreißigjährigen Krieg auch ein Dorf Konfurt gegeben hat. Von der Mühle ist bekannt, daß schon 1359 und 1361 in Gerichtsakten von ihr berichtet wird.

In der Folge wechseln die Inhaber immer wieder, aber es steht fest, daß sie neben der Stadtmühle das leistungsfähigste Unternehmen war. 1759 haben Räuber das Anwesen überfallen und den Müller, Peter Nungesser, mißhandelt. 1840 hat sich ähnliches wiederholt. In den zwanziger Jahren und 1930 hat es fünf Mal gebrannt. Wurde anfangs Korn gemahlen, kam dann die Ölgewinnung dazu und ab 1710 sollte sie zu einer Sägemühle werden. Bis in die fünfzigerjahre hat Karl Tempel Pappe hergestellt. Jetzt ist da ein Reiterhof und Viehzucht.

Unter allen Mahlbetrieben ist die Stadtmühle die bedeutendste gewesen und bis 1972 geblieben. Ihre Geschichte ist ein Stück der Stadtchronik, sie hat die Bürger und die Adligen über Jahrhunderte mit Brotmehl versorgt. Seit 1899 lieferte sie der Stadt elektrische Energie für die Beleuchtung und setzte sich damit an die Spitze der hessischen Gemeinden, die den Schritt in die techniche Zukunft wagten. Zur damaligen Zeit hatte noch keine der umliegenden Städte, wie Frankfurt, Hanau, Darmstadt oder Aschaffenburg ein Elektrizitätswerk.

Von der Brücke zum Schloß hat man den schönsten Blick auf das Anwesen. Das Fachwerkgebäude ist erst 1906 an Stelle einer niedergebrannten Scheune entstanden. Vom Wasserbau, wo sich einst das Mühlenrad drehte, steht auch nichts mehr.
In ihren Glanzzeiten sind dort sogar 5 Schaufelräder in Betrieb gewesen. Wegen der Stromerzeugung mußten leistungsfähigere Antriebe eingebaut werden, so kam ein "Zuppinger Wasserrad" zum Einsatz und später noch eine Turbine. Bei Spitzenbedarf reichte auch das nicht immer, darum ist zuerst eine Dampfmaschine und dann ein Gasmotor eingebaut worden.

Es hat den Anschein, als sei die Mühle außerhalb der Stadtbefestigung gewesen, dem ist nicht so. Wenn auch keine Mauern mehr davon zeugen. Jenseits der Gersprenz, am Schloßzugang angelehnt, war noch ein Schutzbau. Aus wirtschaftlichen Gründen hat man um 1905 den Betrieb der Sägemühle eingestellt. Man sieht, die Stadtmühle war ein alround-Unternehmen unmittelbar in der Stadt.

Die früheste Nennung ist aus dem Jahr 1383. Daraus ist abzuleiten, daß schon weit eher 88 Malter Korn in das Schloß zu liefern waren als zu diesem Zeitpunkt.
Es ist eine lange Reihe von Namen, die über die Jahrhunderte bezeugen, wer als Besitzer und Müller in der Mühle das Sagen hatte. Im letzten Jahrhundert sind es die alteingesessenen Familien Ranis und Tempel gewesen. Am 1. Jan.1905 haben Herr Dipl.-lng. Schobert und sein Schwager Hörn das Anwesen übernommen, denn die Ansprüche an die Technik konnte ein Müller nicht mehr erfüllen. Über E-Werk und Mühle hinaus gründete Herr Schobert die Celba, eine Fabrik, die Zelluloidpuppen herstellte. Unter dem Markenzeichen "Nixe" sind diese Spielzeuge weltweit bekannt geworden.

Eine ganz außergewöhnliche Angelegenheit ist der Standort von drei Mühlen in Harreshausen. Nicht wie sonst üblich sind die Mühlen am Wasser entlang aufgereiht, sondern nebeneinander gebaut. Die Langheintz-, Grünewald- und die Hild-Mühle sind von dem Zimmermann und Müller Andreas List ab dem Jahre 1685 erbaut worden. Als erste entstand die Langheintzsche Mühle sie ist bis jetzt im Familienbesitz geblieben. Der Mühlenbetrieb ruht seit1957. 1693 ist die Grünewalds Mühle entstanden. Zunächst waren alle Anwesen in einem Familienverband vereinigt, bis 1790 durch Einheirat des Dietrich Grünewald die familiäre Bindung auseinander driftete.

Bis in die fünfziger Jahre ging das Geschäft noch, zuletzt als Mehlhandlung. Die dritte Mühle Hartmann/Diehl geht auf eine Teilung der alten Mühle der Witwe des Peter Langheintz zurück. Das ist im Jahre 1825 geschehen. Als letzter Müller war Wilhelm Diehl tätig, er verstarb 1951. Der Mahlbetrieb wurde schon 1941 eingestellt. Eine Besonderheit war mit dieser Mühle verbunden, es wurde ab 1832 Gips gemahlen. Gips galt damals als Düngemittel.

Als vierte Mühle, von der jetzt nur noch Mauerreste zeugen, ist die Papiermühle im Eichen zu nennen. Nur 50 Jahre lang, von 1830 bis 1880, lief der Betrieb zur Papierherstellung. Die aufkommende Industrie ruinierte die handwerklichen Hersteller. Eine technische Neuheit war die Anordnung von zwei horizontal laufenden Wasserrädern; der Einlauf ist jetzt noch sichtbar. Erbauer war Christof Steiner aus Dieburg, weitergeführt durch Herrn Seliger aus Sickenhofen.


Stockstadt am Main

Stockstadt am Main, als auch an der Gersprenz gelegen, ist die letzte Gemeinde am Bachlauf. Folglich sind auch hier die letzten Mühlenräder welche das Wasser angetrieben haben bzw. noch antreiben.
Die Dölzermühle, ursprünglich Fern- oder Hanauermühle genannt, kann ihr Dasein bis zum Jahr 1383 nachweisen. Erstaunlich ist, daß jetzt noch gemahlen wird. Sie ist damit die zweite Mühle wo sich noch die Räder drehen.

Sicher ist auch, daß sie auf Grund der Bezeichnung und der Besitzverhältnisse schon vor 1255 bestanden hat. Es ist dieses das früheste Datum, dem man auf dieser Gersprenztour bei den Mühlen begegnet. 1711 tauschten die Grafen von Hanau mit den Grafen von Schönborn Geländeteile ,so ist das Anwesen in den Einflußbereich von Kur Mainz gekommen.

Die Geschichte der Walk- und Ölmühle, genannt Deborsmühle (auch Debour), hängt eng mit der Fernmühle zusammen. Sie ist wahrscheinlich um 1711 enstanden, als die Brüder Andreas und Albert Debordie Fernmühle besaßen. 1870/71 wurden noch Militärtuche gewalkt. Öl ist bis in die Nachkriegsjahre geschlagen worden.

Die Dorfgeschichte ist im wahrsten Sinne des Wortes plastisch auf der Säule hinter dem Rathaus dargestellt. Von den Römern bis zu dem Bombenangriff 1945 ist alles zu sehen, was in Stockstadt geschah.
Es begann damit, daß die Römer am Zusammenfluß von Gersprenz und Main ein Kastell erbauten. Der Main war ja der "nasse Limes", die Flußgrenze gegen die Germanen. Wo jetzt die große Fabrik steht, standen einst die Legionäre auf Wache.

Zur Zeit der Franken war es ähnlich wie in Babenhausen, es saß hier ein Wildhüter des Wildbannes Dreieich, der den Gersprenzübergang kontrollierte und die Mark bewachte. Als Hoheitszeichen des Königs war ein Pfahl oder "Stock" aufgestellt, von diesem Stock wurde der Namen der entstehenden Siedlung abgeleitet. Der westliche Eckpunkt des Wildbannes war am Rhein, auch da war ein "Stock" aufgestellt, daraus ist Stockstadt am Rhein geworden.

Was heute die B469 ist, war im Mittelalter der Mainhandelsweg von Frankfurt nach Nürnberg. Das hohe Gersprenzufer und die versumpfte Senke machten es erforderlich, daß die Kaufmannszüge für diesen Abschnitt Spanndienste der Stockstädter in Anspruch nehmen mußten. Daraus ist eine Einnahmequelle geworden, die als Brückenzoll weiterbestand. Das stattliche Anwesen des Zollhauses, es ist noch das Schönste, was Stockstadt vorzeigen kann, beweist es.

Seit der Jhd.-Wende hat der Ort die Zellstoffabrik, die weit mehr einbringt als der Brückenzoll. Diese Papierfabrik produziert Rohzellulose und stellt Feinpapiere her. In ihren Hallen läuft die größte Papiermaschine Europas.

In den sechsziger Jahren ist durch den Ausbau des Maines zur Großschiffahrtsstraße eine gravierende Landschaftsveränderung vorgenommen worden. Der Wasserspiegel wurde dabei so gehoben, daß der Unterlauf der Gersprenz um mehrere Kilometer nach Norden verlängert werden mußte, um auf das gleiche Niveau zu kommen. An der Schleuse springt sie über einen Wasserfall endgültig in den Main. Damit auch die Fische den Höhenunterschied überwinden können, hat man ihnen extra eine Wassertreppe gebaut. Die Stauanlage mit dem Schiffshebewerk ist eine imponierende Sache, und es ist sehr interessant zu beobachten, wie die Schiffe durchgeschleust werden. Uneingeweihte werden es kaum erkennen, daß hier eine künstliche Senke geschaffen wurde, die als Bachbett und Überflutgelände funktioniert.