Geschichte



Die Entwicklung des Dorfes Ueberau seit 1635
Heinz Reitz

(Quelle: "Der ODENWALD"; Zeitschrift des Breuberg-Bundes; 38. Jahrgang, Heft 2, Juni 1991)

Ueberau liegt etwa 15 km südöstlich von Darmstadt und 8 km südlich von Dieburg, östlich der an dieser Stelle 160 m hoch über NN gelegenen und etwa l km breiten Gersprenztalaue. Hierüber erhebt sich ungefähr 10 m hoch der älteste Siedlungskern des alten Ueberau. Dieser erstreckt sich auf einem nördlichen Odenwaldausläufer und wird 1316 erstmals genannt (Hinweis: nach neueren Erkenntnissen bereits 1305; WB). Der Platz um die heutige Straßengabelung Wilhelm-Leuschner-Straße - Brensbacher Straße war ein günstiger Wohnplatz für Jäger und Ackerbauer. Einerseits gibt es auf dieser Anhöhe noch heute drei gute Quellen, der Weg zu den Feldern war nicht sehr weit oder beschwerlich, und andererseits bot die Stelle einen weiten Ausblick über das von Gersprenz und Wembach gespeiste Feuchtgebiet.

Das Dorf entwickelte sich an der alten Brensbacher Straße, die weiter nördlich des Dorfes, nach Dieburg zu, auch „Ohmweg" genannt wird. Die heutige Lengfelder Straße hieß bis noch vor einigen Jahren im Volksmund „Rennweg".

Es wurde zunächst nur die heutige Wilhelm-Leuschner-Straße nördlich der Kirche und der bei der Kirche nach Reinheim abknickende Teil der Straße durch die Hubenhöfeauch "Hufe" genannt, Gehöfte, Bauerngüter. Huber auch Hueber hießen die Bauern, die als Grundbesitz das Ackerland einer Hube (niederdeutsch Hufe) besaßen. Daraus entwickelte sich der Nachname Huber. besetzt. An dem wahrscheinlich künstlichen Gersprenzknie zweigt der Weg nach Reinheim in westlicher Richtung (Karl-Marx-Straße) ab, die Route eines alten Talweges nach Groß-Bieberau (Groß-Bieberauer Straße) führt nach 200 m zu dem alten „Großen Sinoltshof', (heute: Gasthaus „Hofhaus"). Dieser niedrig gelegene Teil des Dorfes bildete noch im Jahre 1800, von der Anzahl der Häuser her, ein Drittel des Dorfes. Der Schwerpunkt der Siedlung lag also im „oberen Dorf", wie dies auch aus den Urkunden deutlich wird.

Bei oberflächlicher Betrachtung wirkt die Siedlung Ueberau seit Beginn des 19. Jahrhunderts wie ein einheitliches Straßendorf, sie ist jedoch aus drei Siedlungsschwerpunkten zusammengewachsen. Der wichtigste davon liegt im Süden mit dem Adelshof (127), einem ehemals landgräflichen LehenMan versteht unter Lehen das ausgedehnteste erbliche Nutzungsrecht an einer fremden Sache, welches sich auf eine Verleihung durch den Eigentümer gründet. Ein Lehnsherr hatte im Lehnswesen die Aufsicht über Vasallen. Er hatte die Verpflichtung, diesen ein Lehen (Land oder ein Amt) zu überlassen und ihnen Unterhalt und Schutz zu gewähren. Diese waren ihm dafür zu abs. Gehorsam/Dienst verpflichtet.. (Die in Klammern gesetzten Zahlen verweisen jeweils auf die Nummern in der im Anhang befindlichen Einwohnerliste, die einen Überblick für das Dorf Ueberau zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Einzelheiten vermitteln möchte.) Der zweite und sicher wichtigste Schwerpunkt ist um die Kirche herum zu suchen und der dritte bei der Straßengabel Lengfelder Straße - Niedergasse (43). Besonders zwischen den beiden letzten Häusergruppen bestand bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine Lücke, weshalb der Flurname „Lückeberg" verständlich wird.

Wie ein roter Faden ziehen sich die Bemühungen um die Wahrung adeliger Besitzansprüche durch die Überlieferungen der Jahrhunderte. Weil dies zum weiteren Verständnis der Verhältnisse bedeutsam ist, seien die verschiedenen Herren und ihre Ansprüche kurz geschildert. Es gab in Ueberau einen Block katzenelnbogischer, später landgräflicher Güter. Hierzu gehört zunächst der Hof, „auf dessen Gelände" die Kirche steht. Heilmann v. Düdelsheim weist 1316 einen Hof als Wittumlat. vidualitium; im Mittelalter der Preis, der für die Braut an den Bräutigam gezahlt wurde. Das Wittum war häufig gesetzlich festgeschrieben. In sehr alter Zeit bestand das Wittum nur aus Fahrnis (also Mobilien), später wurde es zur Immobiliardos (also Immobilien), die durch eine Urkunde übereignet wurde. Das Wittum wurde die Versorgung der Witwen, da es lebenslänglich in ihrem Besitz blieb. für die Frau des Werner v. Reinheim an1. Dieser Hof fällt 1399 an die Grafen von Katzenelnbogen zurück. Diese Urkunde ist der Anlaß zur diesjährigen 675-Jahrfeier, obwohl das Dorf bereits 1305 in einer Urkunde des Grafen Eberhard von Katzenelnbogen genannt wird, in der dieser dem Grafen Thomas von Rieneck als Heiratsgut für seine Tochter u.a. auch Abgaben in Ueberau anweist2. 1403 erhält Tristram Synolt v. Rosenbach den im oberen Dorf gelegenen Synoltshof mit allem Zubehör von Graf Johann v. Katzenelnbogen als Mannlehen3.

Nach 1547 hat der Landgraf vom Ulmannshof und Gransenhof Abgaben zu beziehen. 1536 wird der Kasten- oder Erbbestandshof der Reinheimer Kirche (aus landgräfl. Vermögen) in Erbbestand verliehen, der 1607 in zwei Hälften erblich verliehen wird. Zum Schluß war dieser Hof in 3 Vierteln und das restliche Viertel noch einmal dreigeteilt, an Ueberauer Bauern ausgegeben4. Die AllodifikationUmwandlung eines Lehnguts in eigenen Besitz erfolgte im 19. Jahrhundert.

Ein zweiter wichtiger Block von Gütern stammt aus einem Lehen der Grafen von Sponheim. 1580 belehnt der Markgraf Philipp v. Baden als Graf v. Sponheim den Dr. jur. Halver mit 8 1/4 Hüben usw., die früher Lehen der Kalb v. Reinheim waren. 1580 hat Mosbach v. Lindenfels 9 Hübenauch "Hufe" genannt, Gehöfte, Bauerngüter. Huber auch Hueber hießen die Bauern, die als Grundbesitz das Ackerland einer Hube (niederdeutsch Hufe) besaßen. Daraus entwickelte sich der Nachname Huber.. Offenbar konnte Mosbach v. Lindenfels die Sponheimischen LehenMan versteht unter Lehen das ausgedehnteste erbliche Nutzungsrecht an einer fremden Sache, welches sich auf eine Verleihung durch den Eigentümer gründet. Ein Lehnsherr hatte im Lehnswesen die Aufsicht über Vasallen. Er hatte die Verpflichtung, diesen ein Lehen (Land oder ein Amt) zu überlassen und ihnen Unterhalt und Schutz zu gewähren. Diese waren ihm dafür zu abs. Gehorsam/Dienst verpflichtet., die ehemals der Familie Sinolt verliehen worden waren, erhalten und dazu noch mindestens den großen Sinoltshof aus landgräflichen Lehensgütern bekommen.

Daneben blieb der Kasten- oder Heiligenhof als selbständige Gütermasse ebenso bestehen wie offenbar die landgräflichen Höfe, die im Salbuch des Amtes Lichtenberg genannt wurden, später jedoch nicht mehr greifbar sind.

Dies sei vorausgeschickt, um die verwickelten Besitzverhältnisse im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts besser verfolgen zu können.


Das Dorf im 17. und 18. Jahrhundert

Die Bausubstanz des heutigen Ueberau geht in dem durch die Wilhelm-Leuschner-Straße durchzogenen Ortskern eigentlich nur auf die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück, denn 1635 waren die meisten Ueberauer Häuser verbrannt, oder fand sie Pfarrer Rubel unbewohnt5.

Wenn die Menschen nicht verstorben waren, so waren sie verdorben oder „ins Land verlaufen", wie Pfarrer Rubel schrieb. Unter den Reinheimer Bürgern zählte er u.a. Hans Greifenstein (BüttelDer Büttel oder Bannwart ist eine alte Berufsbezeichnung, die für Flur-, Weinbergshüter und Gerichtsdiener verwendet wurde. Es gab sowohl Landbüttel als auch Stadtbüttel, deren Aufgabenbereich sich aber kaum unterschied.) und dessen Frau Anna Regina aus Ueberau sowie Nicolaus (Nicolß) Raimche, Witwer aus Ueberau (vulgogemeinhin, gewöhnlich: Härdesnickel) auf. Die Menschen suchten hinter den Mauern der Stadt Reinheim Schutz und ließen lieber ihr offenes Dorf zurück. Im Jahre 1640 ist Ueberau schließlich unbewohnt6.

Es muß ein schwieriger Neuanfang gewesen sein, dessen außergewöhnliche Situation uns durch eine Hübnerliste des Jahres 165l7 belegt ist. Es waren viele Auswärtige, in der Mehrzahl Reinheimer Bürger, in das Mosbach'sche Gerichtsbuch eingetragen, weil nicht genügend Ueberauer Einwohner vorhanden waren. Die erste zuverlässige Bevölkerungsliste veröffentlichte Hotz8 für das Jahr 1685, in der Pfarrer Georg Sann seine Kirchengemeinde in das neuangelegte Kirchenbuch mit 23 Familien, insgesamt 103 Personen, für Ueberau dokumentiert. Unter ihnen befindet sich auch Peter Natebusch, der Hertingshäusische Hofmann, mit seiner Familie.

Zur Mitte des Jahres 1684 begann in Ueberau besitzrechtlich eine neue Zeit, denn das Geschlecht der Mosbach v. Lindenfels erlosch in diesem Jahr, und die Familie Mosbach hatte, wie oben dargelegt, LehensbesitzMan versteht unter Lehen das ausgedehnteste erbliche Nutzungsrecht an einer fremden Sache, welches sich auf eine Verleihung durch den Eigentümer gründet. Ein Lehnsherr hatte im Lehnswesen die Aufsicht über Vasallen. Er hatte die Verpflichtung, diesen ein Lehen (Land oder ein Amt) zu überlassen und ihnen Unterhalt und Schutz zu gewähren. Diese waren ihm dafür zu abs. Gehorsam/Dienst verpflichtet. aus zwei verschiedenen Quellen im eigenen Besitz vereinigt.

Schon am 23.6.1684 erhielt der Erbküchenmeister in Hessen Ludwig Wilhelm von Hertingshausen die hessischen Lehen des Verstorbenen9, also auch den Großen Sinoltshof zu Ueberau. In Ueberau bedeutete dieses Jahr keine Änderung für die Besitzer der Erbleihen, die aus dem Kastenhof stammten. Änderungen hatten jedoch diejenigen Hubenbauern zu erwarten, die den Teil Mosbachischen Lehens unter dem Pflug hatten, der aus dem Sponheimer Lehen stammte. Diesen erhielt Johann Georg Seyfahrt (Seiffert) von Edelsheim, der Gräfl. Hanauische Kammerpräsident10.

Hier verfolgen wir zunächst die weiteren Geschicke des landgräflich-hessischen Lehens. Der Ueberau betreffende Teil ging schon 1689 an den Geheimen Rat Johann Jonas Mylius über, von dem es der Geheime Staatsrat und Kanzler Freiherr Jakob von Schröder bereits 1701 kaufte11. 1740 wurde dann der Enkel Moritz von Pöllnitz (Oberamtmann zu Lichtenberg) vom Landgrafen Ludwig VIII. formell mit den Gütern belehnt. Ihm folgte 1761 Ludwig von Pöllnitz, der 1771 auch Oberamtmann zu Lichtenberg wurde. Der Große Sinoltshof spielt, neben der ihm zustehenden Rolle, in der Ortsgeschichte erst wieder zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine herausragende Rolle.

Im Jahre 1691 erhielt der obengenannte Herr v. Edelsheim vom Pfalzgrafen Christian, „als Graf zu Sponheim" für sich und seinen ältesten Sohn Friedrich Christian, oder da dieser vor seinem Vater versterben sollte, seinem anderen Sohn Christian Reinhardt, „ad dies vitae,... wegen geleisteter sehr treuer Dienste ...", „nach dem tödlichen Abgang weylandt Johann Heinrich Moßbach von Lindenfels, die Lehensstücke, und Güter, die hiebevor Peter Synoldt seel. gehabt und getragen hatte"10.

Im Jahre 1731 setzte der Ratsverwandte und Landwirt Valentin Ramge (*1687, +1769 zu Ueberau) stolz den Schlußstein in seine Toreinfahrt, der heute noch an gleicher Stelle die Mannpforte zum Toreingang des Hauses Wilhelm-Leuschner-Straße 38 schmückt. Er errichtete seine Hofreite offenbar „in der Lücke" am Rande des oben beschriebenen dritten Siedlungskernes von Ueberau. Er dürfte über einen großen Teil edelsheimischer Felder verfügt haben. Von diesem Hause aus verbreiteten sich die Vertreter dieser Familienlinie in Ueberau. Sein Vater hatte 1685 noch in Ober-Ramstadt geheiratet, kam danach nach Ueberau und wurde zum Begründer des einen Astes der weitverzweigten, einflußreichen Sippe Ramge in diesem Dorfe. 1749 hatte Ueberau 224 Einwohner12.

1771 erhält der „adelige Vasall" Ludwig Friedrich von Pöllnitz auf seinen Antrag hin die Erlaubnis, ein zu seinem Lehensgut gehöriges und in Ueberauer Gemarkung liegendes Stück Tannenwald, „die hundert Morgen" genannt, zu roden und dort Getreide anbauen zu lassen. Das gewonnene Feld umfaßte 65 Morgendie mit einem Ochsen an einem Vormittag pflügbare Fläche; meist 25-58 a, zu denen Pöllnitz noch 15 Morgen hinzukaufte13.

Den ältesten Beleg für die „Hochfreiherrl. von Edelsheimischen Gefalle zu Ueberau" gibt es vom Jahr 1781, der im Stadtarchiv Reinheim aufbewahrt wird. In diesem Jahr nimmt Justus Heumann „Stadt Rentmeister und Stadtschreiber zu Reinheim mit Ueberau" 62 Malter Korn, 10 Malter Hafer, 44 Hühner, 4 Hahnen, 2 Gänse, 102 Eier und 11 Gulden 27 Albus l Pfennig für v. Edelsheim ein und versteigert die Naturalien. Nach Abzug seiner Besoldung in Höhe von 4 Maltern Korn und 10 Gulden sowie 22 Albus und 4 Pfennigen für die Erstellung des Heberegisters gehen, nach weiterem Abzug von l Gulden Botenlohn, das Geld nebst Rechnung nach Hanau, und zwar noch 196 Gulden 5 Albus l 1/2 Pfennige an den Herrn v. Edelsheim. Die Abgaben wurden in 44 Häusern eingesammelt, und auch der Kastenhof erscheint in der edelsheimschen Steuerliste.

Im Jahre 1787 erbauten Franz Ramge (*1718) und Nikolaus Ramge (*1746) das zweigeschossige Louis-Seize Haus mit Mansarddach (Wilhelm-Leuschner-Straße 42), das heute noch einen bemerkenswerten Abschluß dieser Straße nach Norden hin bildet.

Die Bauaufnahme14 läßt die reiche Fassade mit doppelläufiger Außentreppe deutlich werden. Die hier noch zu sehende Toreinfahrt wurde, nach Übernahme der Nachbarhofreite, in den Jahren nach 1905 in den Wohnbereich mit einbezogen, wodurch die Schauseite des Hauses heute asymetrisch wirkt.

Bauaufnahme des Hauses Wilhelm-Leuschner-Straße 42


Das Dorf im 19. Jahrhundert

Die Gemeinde Ueberau läßt sich erstmals ausführlich für das Jahr 1816 darstellen15. Die Einzelheiten sind in dem Verzeichnis im Anhang niedergelegt. Die Karte l ist eine Nachzeichnung der Karten der Parzellenkarten von 1840, die im Stadtarchiv Reinheim lagern. Ueberau mit Hundertmorgen umfaßt im Jahre 1810 insgesamt 107 Familien mit 551 Personen, wobei 14 Knechte und 14 Mägde einbezogen sind.

Von den Familienvorständen sind 38 als Ackersmann (Bauer), 20 als Tagelöhner und l als Hirte bezeichnet. Neben l Lehrer, 2 Schmieden, l Wagner, l Bäcker, 2 Schneidern, l Schuhmacher, 1 Strumpfweber, 7 Leinwebern und 2 Maurern gibt es 2 Schreiner.

In der Aufstellung stehen 15 Höfe, die mit mehr als 2500 Gulden Vermögen bewertet werden. Darunter finden sich alle Höfe, die Anteil an den Kirchenkasten-Feldern hatten und alle diejenigen, die Hubhafer an v. Edelsheim ablieferten.

Die folgende Aufstellung umfaßt alle Höfe, die Hubhafer an v. Edelsheim zu liefern hatten und mag nicht nur die Konzentration der Vermögenswerte auf nur wenige Betriebe verdeutlichen, vielleicht auch die Anregung geben, die ursprünglichen 6 1/2 Hüben des Sponheimschen Lehens aus den Hubhaferangaben zu rekonstruieren. Die Familiennamen sind leicht aus der Einwohnerliste zu entnehmen, und familienkundliche Mittel für einen solchen Versuch sind im Pfarrarchiv Reinheim gegeben.

Aus der oben gewählten Definition heraus mußten die Höfe 15, 20 und 127 unberücksichtigt bleiben, obwohl sie zu den größeren Höfen des Dorfes gehörten.

Die Häufung der Wohnhäuser von Einwohnern der unterbäuerlichen Schicht an den Ortsrändern, insbesondere im südlichen Teil von dem „unteren" Dorf Ueberau, kann aus der Liste im Anhang leicht ersehen werden. Hier kann aus Mangel an Familiendaten nicht auf die Auswanderungen des 19. Jahrhunderts eingegangen werden.

Ueberau gehörte in kommunaler Hinsicht, soweit es zu überblicken ist, zu Reinheim, wurde also jeweils von Reinheim mitversorgt. Im 19. Jahrhundert wurden die Bestrebungen zu Unabhängigkeit von der über dem Wiesengrund gelegenen Muttergemeinde übermächtig. So erreichten die Ueberauer Bürger, daß 1819 ein „eigener" Pfarrer ins Dorf kam, der zunächst in der Lengfelder Straße 8 gewohnt haben soll. 1820 wurde das Schulhaus in der Wilhelm-Leuschner-Straße 13 errichtet, und damit die Frage des „eigenen" Lehrers geklärt. Schließlich wurden die Verhandlungen um die Unabhängigkeit von Reinheim im Jahre 1862 abgeschlossen, und die Gemeinde Ueberau wurde selbständig. Eines der ersten kommunalen Projekte war der Bau eines Pfarrhauses, das 1866 mit einem Kostenaufwand von 12000 Gulden errichtet wurde.

Das Schulhaus aus dem Jahre 1820, heute umgebautes Wohnhaus.
(Nach einer Fotografie des Jahres 1938, gezeichnet von Wilhelm Stuckert)

Eine kleine Zahl von neuen Wohnhäusern entstand in der Wilhelm-Leuschner-Straße (Lücke), der Brensbacher und Groß-Bieberauer Straße. Viel entscheidender als die kommunale Verselbständigung dürfte sich für die einzelnen Menschen die Befreiung von den Grundlasten ausgewirkt haben, die im Laufe des 19. Jahrhunderts bewältigt wurde. In diesen Zusammenhang gehört auch der Verkauf des adeligen Gutes (127), das die Familie Willich gen. v. Pöllnitz innehatte und das 1849 zu ihrem freien Eigentum geworden war. Im Rahmen von Erbauseinandersetzungen kaufte Carl Willich gen. v. Pöllnitz im Jahre 1856 die Ueberauer Teile des Familienbesitzes, verkaufte aber bereits 1858 die Hundert Morgen an Ludwig Schönberger in Groß-Bieberau, und 1860 verkaufte er seinen Besitz in Ueberau an den Güterhändler Michael Linel aus Frankfurt am Main, der das ehemalige Lehensgut parzellierte und in Einzelteilen verkaufte16. Für die Ortsentwicklung war dieser Schritt günstig, gab es somit doch neue Erweiterungsmöglichkeiten. Es bedarf noch einer Untersuchung, wie weit beim Verkauf die etwa 223 Morgen Äcker und Wiesen an Ueberauer Einwohner verkauft wurden.

Ueberau wurde weder mit der Odenwald-Eisenbahn verbunden, noch an die Landstraße Darmstadt-Wiebelsbach angeschlossen.


Das Dorf im 20. Jahrhundert

Im Jahre 190517 hatte sich die Einwohnerzahl des Dorfes, im Vergleich zu 1816, beinahe verdoppelt, nämlich auf 898 Einwohner. Die Zahl der Landwirte ist auf 47 angewachsen, was auf Veränderungen im Gefolge des Hofguts verkauf es, aber auch auf eine Verkleinerung größerer Betriebe hindeuten kann.

Das Haus Wilhelm-Leuschner-Straße 27

Einerseits gibt es einen Landwirt am Ort, der den Ehrentitel ÖkonomieratEin Titel, der an verdiente Landwirte verliehen wird trägt und 5 Einwohner, die sich als Branntweinbrenner bezeichnen, also nicht die Landwirtschaft, sondern das Veredelungsgewerbe im Vordergrund ihrer Tätigkeit sehen. Die Zahl der TagelöhnerEin Tagelöhner ist jemand, der keine feste Arbeitsstelle hat, sondern sich in der Regel immer wieder bei neuen Arbeitgebern um neue Hilfsarbeiten bemühen muss. In der Geschichte standen Tagelöhner meist recht weit unten in der gesellschaftlichen Hierarchie. und KnechteEin Knecht (westgermanisch für Jüngling, Held) ist ein Wirtschaftsgehilfe, früher ein Geselle, Diener, Soldat, Gerichtsdiener unter anderem. Im Marxismus ist er der Gegenpart zum Herrn. ist seit 1816 etwa gleich geblieben, und die Zahl der von den Landwirtschaftsbetrieben lebenden Handwerker (5 Schmiede, 4 Wagner) hat zugenommen. In der Liste sind Schneider, Strumpfweber und Leinweber nicht mehr vertreten. Andererseits gibt es eine große Zahl von Familienvätern, die als Arbeiter ihren Verdienst außerhalb des Dorfes suchen müssen: 20 Bahnarbeiter, 14 Arbeiter, l Fuhrmann, l Heizer. Auch 8 Maurer und 6 Schreiner scheinen als Arbeiter ihren Lebensunterhalt außerhalb des Dorfes verdient zu haben.

Ein bereits 1917 in Ueberau bestehender Arbeiterbildungsverein weist auf das Gewicht dieser Bevölkerungsgruppe im Dorfe hin. Über die Anmerkungen in der Einwohnerliste ist es möglich, die Berufsangaben des Landesadreßbuches den einzelnen Wohnhäusern zuzuordnen. Hier mag, als Erinnerung an die Verhältnisse der Zeit der 1920er Jahre, eine Aufnahme des Hauses Wilhelm-Leuschner-Straße 27, genügen. Übrigens wohnten in diesem Hause im Jahre 1816 zwei Leinweberfamilien. Die Aufnahme zeigt, nach der Gewohnheit der Zeit zu urteilen, alle Einwohner des Hauses.

Die Karte 2 zeigt Ueberau 1924, vor der Flurbereinigung. Neben den zu kleinsten Parzellen verkleinerten Feldern fällt die Vergrößerung des Dorfes außer an den „Dorfenden" in der Oberen und Neuen Straße auf.

Die politischen Wirren der 20er Jahre dieses Jahrhunderts, die in Ueberau besonders drastisch zutage traten, müssen hier nicht behandelt werden, ist doch der Augenmerk dieses Aufsatzes auf die Wandlungen in Ueberau gelegt. Hier kann auf Wilhelm Rupperts Büchlein18 hingewiesen werden, das aus der Sicht eines Beteiligten die Ereignisse zwar parteilich, im Sinne von oral history, jedoch in diesem Falle, schriftlich vorlegt.

Bevölkerungszahlen:

Jahr:          1938   1946   1950   1956   1971   1990
Bewohner: 1120   1607   1633   1528   1799   2268

Nach dem 2. Weltkrieg war die Bevölkerungszahl durch den Zuzug von Evakuierten und Heimatvertriebenen innerhalb kürzester Zeit fast um die Hälfte vergrößert. Dies wirkte sich auf die Verstärkung des Anteils der abhängig Beschäftigten aus.

Der Wohnraumbedarf wurde so groß, daß zunächst ganze Straßenzüge im Alten Weg, Am Schlehenrech, Brunnenstraße und Sudetenstraße bebaut wurden. 1961 gab es in Ueberau 80 % Erwerbstätige. Davon waren 12 % als Selbständige eingestuft, und dazu waren 8 % mithelfende Familienangehörige. Es gab 52 % Arbeiter, 14 % Angestellte und 5 % Beamte in Ueberau als unselbständig Beschäftigte. Man konnte das Dorf also mit Recht als Arbeiterwohngemeinde ansprechen.

Ausschnitt aus der Gemarkungskarte Ueberau (1924)

Mit Genehmigung des Hessischen Landesvermessungsamtes vervielfältigt -Vervielfältigungsnummer 7/91.
Freigegeben durch den Regierungspräsidenten in Darmstadt unter HLVA6/88. Flugtag: 6.4.1988, Bild-Daten: 6/88-10; 654

Das Luftbild aus dem Jahre 1988 zeigt das im Zuge der Gebietsreform seit 1970 als Stadtteil wieder nach Reinheim eingemeindete Ueberau gewissermaßen „wie es heute ist".

Nach Betrachtung der Karten auf den Seiten 62 und 67 wird aus diesem Bild sehr schön der alte Ortskern mit seiner kleinräumigen Bebauung und der für Ueberau charakteristischen Straßenführung deutlich. Im Westen bildet die baumbestandene Linie der Gersprenz die Grenze des heutigen Stadtteils. Der westlich daran anschließende Wiesenbereich gehört, von der Verwaltung her gesehen, zur Kerngemeinde Reinheim. Den Gegensatz zur Siedlung und den Wiesenflächen nimmt im Ost- und Südteil des Bildes das Muster der Felder ein. Als gesondert genutzte Gebiete fallen die beiden Kleingartenflächen im südlichen und nördlichen Niederungsbereich des Dorfes und das Sportgelände an der Nahtstelle zwischen dem „alten" Ueberau und dem Neubaugebiet auf. Direkt westlich der Gersprenz, an der Straße nach Reinheim, liegt der neue Festplatz der Gemeinde Ueberau auf dem Gelände der ehemaligen Mühle und gegenüber der Straße ein gewerblicher Lagerplatz. In der Südostecke des Bildes fällt der Geländeeinschnitt im Zuge der Brensbacher Straße auf. Von der Stelle der Grillhütte bis zum heutigen Ortsrand befand sich noch bis in die 1950er Jahre ein verbliebener Rest der alten „Brensbacher Hohl", damals noch „Froschloch" genannt, der mittlerweile mit Müll verfüllt ist und rekultiviert wurde.

Der Zuzug von vielen Familien aus allen Teilen unseres Landes, die in Ueberau einen Bauplatz und im rhein-mainischen Verstädterungsgebiet einen Arbeitsplatz gefunden haben, bewirkten, daß um Ueberau ein Kranz von Neubaugebieten gelegt wurde, die im Gegensatz zu dem alten Ortskern locker und uneinheitlich bebaut sind. Das jüngste Baugebiet, das erst vor wenigen Jahren fertiggestellt wurde, ist durch die Straße am Schützenrain erschlossen und liegt zwischen dem Lengfelder Weg und dem Pfarrweg. Nach den Zahlen der Volkszählung von 1987 sind die Selbständigen einschließlich der mithelfenden Familienangehörigen auf 10 % zurückgegangen. Die Zahl der Arbeiter ging auf 37 % zurück, dagegen stieg die Zahl der Angestellten auf 45 % und die Zahl der Beamten auf 8 % an.

Um das alte Dorf Ueberau, das etwa tausend Menschen Wohnraum bieten konnte, hat sich ein neues, modernes „Dorf" ausgebreitet, das für eine leicht größere Zahl von Einwohnern als Wohnplatz dient. Diese verdienen ihren Lebensunterhalt in den Städten oder Gemeinden der Umgebung, denn in Ueberau gibt es auch heute noch nur eine ganz kleine Zahl von Gewerbebetrieben neben noch 10 Vollerwerbs- und 3 Nebenerwerbs-Landwirtschaftsbetrieben, die die gesamte Feldflur bewirtschaften.


Anmerkungen:

1. Karl E. Demandt, Regesten der Grafen von Katzenelnbogen 1060-1486, Nr. 6310. Die Kirche und der Lißbergsche Hof sind bereits ausführlich geschildert durch Walter Hotz, 650 Jahre Ueberau. = Sonderdruck aus dem Heimatboten für die evang. Gemeinde Reinheim/Odw. (Reinheimer Hefte 2), Darmstadt 1966.
2. Wie Anm. 1,6306
3. Der „im oberen Dorf gelegene Synoltshof" muß also im alten Dorfkern gesucht werden (Hof 15?). Mangels näherer Hinweise und des bekannten Standortes im 19. Jahrhundert, soll weiter für den „großen Sinoltshof' die Stelle, wie sie in Karte l (Nr. 127) ersichtlich ist, angenommen werden.
4. Siehe Anmerkungen (*) in der Einwohnerliste im Anhang (S. 71—73).
5. Walter Hotz, Beiträge zur Geschichte der Stadt Reinheim. = Reinheimer Hefte 8, Darmstadt 1977, S. 23-25 schildert in seinem „Einwohnerverzeichnis aus dem Jahre 1635" die Situation der Menschen im Dreißigjährigen Krieg, für die mit Pfingsten 1635 erst die Drangsale des Krieges begannen.
6. Ottfried Praetorius, Zwölftausend Einwohner in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt um 1640. In: Mitteilungen der Hessischen Familienkundlichen Vereinigung 4 (1935) 2.
7. Staatsarchiv Darmstadt: C 4, Gerichtsbuch Ueberau l, 1593-1655, S. 30.
8. Wie Anm. 5, S. 29.
9. Walther Möller, Genealogische Beiträge zur Geschichte des Odenwaldes und der Bergstraße. Die mit der Hirschstange. In: AHG NF 24 (1952/3), S. 137.
10. Generallandesarchiv Karlsruhe: Abt. 69, Nr. 226. Hausbuch v. Edelsheim (1682), S. 130. Für den freundl. Hinweis danke ich Frau Dr. Gertrud Großkopf sehr herzlich, die sich zu dieser Familie auch in ihrem Aufsatz: Reichsgut und Grundherrschaft in Rendel. In: Wetterauer Geschichtsblätter 28 (1979) S. 25-57 geäußert hat.
11. Karl v. Willich, Der Burghof und seine Vasallen. In: Werner E. Schröder (Hrsg.), Stadt Reinheim im Odenwald. Stadt Reinheim 1950. S. 47.
12. Adolf Bernius, Aus der Ortsgeschichte von Ueberau. In: Georg Friedrich Wolf (Hrsg.), Festschrift und Ortsgeschichte aus Anlaß der 650 Jahrfeier der Gemeinde Ueberau/Odw. Ueberau 1966, o.S.
13. In: Heimatbote für Reinheim und Ueberau, Jg. 1932 sind die Akten auszugsweise abgedruckt, die im Staatsarchiv Darmstadt E 14 G, Konv. 106, Fase. 2, fol. 1-102 einzusehen sind.
14. Max Herchenröder, Die Kunstdenkmäler des Landkreises Dieburg. Darmstadt 1940, S. 292.
15. Durch die Verknüpfung der Angaben aus der Special-Musterliste der Gemeinde Ueberau mit den sog. 100 Morgen, aufgestellt im Jahr 1816 (Pfarrarchiv Ueberau), dem Lagerbuch Ueberau 1816 (Pfarrarchiv Ueberau) und der Seelen-Tabelle der Gemeinde Ueberau 1810 (Pfarrarchiv Reinheim) entstand die Liste der Einwohner von Ueberau 1810/16.
Die Special-Musterliste enthält den Erwerbszweig, die Größe der von der Familie genutzte landwirtschaftliche Fläche und die Vermögenseinschätzung. Die Anzahl der Personen ist in Rückversicherung zur Statistik von 1810 festgelegt, insbesondere wegen der dort verzeichneten Anzahl der Knechte und Mägde wurden die Angaben von 1810 einbezogen. Falls Änderungen in der Familienzugehörigkeit vorkamen, wurden diese verzeichnet.
16. Wie Anm. 11, S. 50.
17. Landesadreßbuch für das Großherzogthum Hessen. Bd. I, Starkenburg. Darmstadt 1905.
18. Wilhelm Ruppert, Ueberau - Das rote Dorf, Reinheim 1990.

Anhang
Familien in Ueberau im Jahre 1810/1816

Abkürzungen:

Mo = Morgen Bre = Brensbacher Straße L = Lengfelder Straße
K = Knecht GB = Groß-Bieberauer Straße N = Niedergasse
M = Magd Ho = Hofgasse Pfw = Pfarrweg
fl. = Gulden Hun = Hundertmorgen WL - Wilhelm-Leuschner-Straße
* Kirchenkasten-Erbleihe KM - Karl-Marx-Straße