Kirche, Kultur und "sonstige Einrichtungen" - Die Grundschule


Aus der Geschichte der alten Ueberauer Schule
Heinz Reitz
(Quelle: "Festschrift zur 675-Jahrfeier"; UEBERAU 675 Jahre: 1316 - 1991)

Wie in den meisten kommunalen Bereichen war Ueberau vor 1862 auch im Hinblick auf die Erziehung der Schulkinder auf den Mutterort Reinheim angewiesen. Erst im Jahre 1718 wurde, im Zusammenhang mit der Errichtung einer Kaplanei in Reinheim, wodurch der Kaplan zugleich Pfarrdienst in Ueberau zu versehen hatte, in Ueberau auch eine Schule gegründet.
Das erste Ueberauer Schulhaus war ein Fachwerkhaus, das in der Straßengabel mitten im Dorf stand, dort wo heute das Gebäude der Grundschule steht.

1819 gelangte die Gemeinde durch Tausch in den Besitz des heutigen Grundstückes Wilhelm-Leuschner-Straße 13 und errichtete dort in den Jahren 1820 und 1821 ein neues Schulhaus. Es beherbergte eine Schulstube und eine Lehrerwohung. Wilhelm Stuckert hat die Ansicht des Gebäudes nach einer alten Fotografie zeichnerisch rekonstruiert. Ältere Ueberauer Bürger werden sich noch an das Aussehen dieses Hauses, vor dessen Umbau, erinnern. Es war ein einfacher Sandsteinbau, in rauhem Mauerwerk aufgeführt und mit einem Walmdach versehen.

1859 wurde, wegen der gestiegenen Schülerzahl, eine zweite Lehrerstelle, das bedeutete eine zweite Schulklasse, eingerichtet. Es ist überliefert, daß im Hause Wilhelm-Leuschner-Straße 20 bei „Schul-Knorre" auch Unterricht stattfand. Es soll deshalb angenommen werden, daß als zweite „Schulstube" ein Raum in diesem Anwesen gefunden wurde.


Die Ueberauer Schule (1930)
Zeichnung: Wilhelm Stuckert

Die weiterhin ansteigende Schülerzahl bewegte den Gemeinderat dazu, in den Jahren 1898 und 1899 das heute noch bestehende wuchtige Backsteingebäude errichten zu lassen, das zwei Schulsäle, zwei Lehrerwohnungen und Räume für die Gemeindeverwaltung bot. Es wird gegenwärtig als Grundschule genutzt. Das Anwachsen der Zahl der Schulkinder machte es notwendig, daß 1910 eine dritte Lehrerstelle eingerichtetwerden mußte.
In den Jahren vor der Gründung des Schulzweckverbandes „Mittelpunktschule Reinheim" im Jahre 1966 wurden über 160 Kinder von vier Lehrkräften in acht Klassen unterrichtet.

Von der Errichtung der Schule an waren die Ueberauer Lehrer verpflichtet, in Ueberau den Glöcknerdienst zu versehen sowie in Reinheim bei den Gottesdiensten als Vorsinger oder Kantoren die Gesänge zu führen.
Im Jahre 1795 wurde ihnen zu dem Kantorat auch noch der Organistendienst in Reinheim übertragen (1). Im Jahre 1807, als in Reinheim eine zweite Schulstelle eingerichtet wurde, hat man den Ueberauer Lehrer Möser vom Reinheimer Amt entbunden, ihn jedoch gleichzeitig in das Amt des Kantors und Organisten in Ueberau eingewiesen. Seit der Einrichtung der Orgel im Jahre 1750 in Ueberau hatten übrigens die Reinheimer Kapläne neben dem Pfarramt auch für das Organisten- und Kantorenamt zu sorgen. Mit der Teilung der Ueberauer Schule im Jahre 1859 wurde das Amt des Glöckners, Kantors und Organisten der ersten Schulstelle zugewiesen. Die Begründung dafür ist in der damaligen kommunalen Lehrerbesoldung zu suchen.

Weil es noch keinen gesonderten Schuletat gab, setzte sich die Lehrerbesoldung aus a) dem Schulgeld (von den Eltern aufzubringen), b) einem kleinen staatlichen Beitrag, c) einem Beitrag aus dem örtlichen Kirchenchenvermögen und d) einem solchen der bürgerlichen Gemeinde zusammen. Um die sehr knappe Finanzausstattung aufzubessern, wurde die sogenannte Glöcknerbesoldung in die Lehrerbesoldung mit einbezogen. Da es um die Einkünfte ging, blieb es dem einzelnen Lehrer überlassen, die entsprechenden Dienste selbst auszuführen oder eine geeignete Person damit zu beauftragen und zu überwachen, selbstverständlich gegen Bezahlung seitens des Lehrers. Die althergebrachte Besoldung basierte noch im 19. Jahrhundert weitgehend auf Naturalabgaben, die jedoch in Geld verrechnet wurden. So setzte sich im Jahre 1831 das Diensteinkommen des Lehrers Perch-bacher aus 15 (!) Einzelposten zusammen, die im folgenden aufgezählt werden sollen (2):

1. Schulgeld, von jedem Kinde jährlich 1 Gulden, im Durchschnitt 124 124 Gulden
2. Das May'sche Legat 50 Gulden
3. Aus dem Rentamt Lichtenberg für verwandelte Naturalien 6 Gulden
4. 4 Malter, 1 Simmer, 2 Kumpf, 3/4 Gescheid Korn aus den Kircheneinkünften
zu Reinheim ä 5 Gulden 40 Kreuzer
24 Gulden, 51 1/4 Kr.
5. 3 Malter, 2 Simmer Spelz von der Pfarrei Reinheim ä 2 Gulden 50 Kreuzer 9 Gulden, 55 Kr.
6. l Morgen Ackerland, zur Pfarrei Reinheim gehörig und in der Ueberauer
Gemarkung liegend, Reinertrag
12 Gulden
7. 6% Stecken Buchen-Scheitholz von der Gemeinde Reinheim und Ueberau,
nach Abzug von 2 Klafter- 2 1/4 Stekken a 6 Gulden 24 Kreuzer
13 Gulden 36 Kr.
300 Buchene Wellen a 5 Gulden 15 Gulden
8. Zwei der Gemeinde gehörende Wiesenstücke, deren Größe unbekannt ist. Reinertrag 10 Gulden
9. Besoldungswohnung 20 Gulden
10. Accidenzien 5 Gulden 30 Kr.
 
Glöcknerbesoldung
11. Aus der Gemeindekasse für das Aufziehen der Kirchenuhr sowie für
Uhr-und Glockenschmier 5 Gulden jährlich; nach Abzug von 1 Gulden 30 Kreuzer Auslagen
3 Gulden 30 Kr.
12. 50 Garben Korn, sogenannte Glockengarben von den in der Gemarkung
Ueberau begüterten, welche ihr Feld mit eigenem Geschirr bebauen, pro Haufen
3 Simmer — 3 Malter 1 Simmer a 5 Gulden 40 Kreuzer
18 Gulden 15 Kr.
13. Desgleichen 20 Garben Gerste ä 3 Simmer pro Haufen 1 Malter
2 Simmer ä 4 Gulden 32 Kreuzer
6 Gulden 48 Kr.
14. 60 Laib Brot von den Bespannten, ä 12 Kreuzer 12 Gulden
15. Accidenzien 1 Gulden 20 Kr.
Summe 332 Gulden 45 1/4 Kr.

Zu diesem Jahreseinkommen erhielt Schullehrer Perschbacher noch 30 Gulden persönliche Zulage.

Für das gleiche Jahr können auch die überlieferten „Ruhegehalts-Bezüge" eines irn Ruhestand lebenden Lehrers verzeichnet werden.
Der „Emeritus Mößer" erhielt nach der gleichen Aufzeichnung jährlich:

1. Ruhegehalt als vormaliger Kantor in Reinheim aus dem dortigen Kirchenkasten 25 Gulden
2. Aus dem unter Ziffer 1 oben erwähnten Schulgeld 40 Gulden
3. 1 Klafter Holz und 100 Wellen
4. Die ganze Glöcknerbesoldung
5. Den Mitgebrauch der Besoldungswohnung.

An dieser Stelle soll die Reihe der Lehrer aufgezählt werden, die in Ueberau vor 1918 tätig waren (3). Bis zur Teilung der Schule im Jahre 1859 wirkten in Ueberau:
Johannes Usener, 1719-1 737 (+) Lehrer in Ueberau.
Johannes Diehl, *1715 zu Hergershausen (Lehrersohn), 1737-1795 (+) in Ueberau.
Johann Leonhard Möser aus Reinheim. (1777—1780 Winterschullehrer in Rodau bei Lichtenberg, 1780-1795 Schneidermeister und Organist in Reinheim, 1795-1820 Lehrer in Ueberau, 1820 pensioniert, gestorben 1834. Sein Vikar war von 1814-1820 sein Schwiegersohn Johann Konrad Perschbacher, der sein Nachfolger wurde, dessen Jahreseinkommen weiter oben abgedruckt ist.
Johann Konrad Perschbacher, * in Schaafheim. 1820-1831 Lehrerin Ueberau.
Johann Friedrich Roßler, * 1807 in Reinheim. (1824-1825 Winterschullehrer in Webern, 1825-1827 Winterschullehrer in Billings, 1829-1830 Vikar in der zweiten Schule in Reinheim, 1830-1831 Schulgehilfe in Ober-Ramstadt.) 1831-1833 Vikar in Ueberau, 1833-1859 Lehrer in Ueberau. 1859-1875 erster Lehrer in Ueberau. Er wurde 1875 pensioniert und verstarb im Jahre 1886. Über den Lebensweg dieses verdienten Lehrers wurde schon mehrfach berichtet. Diese anschauliche Schilderung der Verhältnisse der damaligen Zeit muß deshalb hier nicht wiederholt werden (4).

Nach der Teilung der Schule in zwei Klassen wurde Georg Kopp, *1834 in Reinheim (1851-1853 im Seminar, 1853-1856 Vikar in Reinheim, 1856-1859 Vikar in Neutsch.) 1859-1866 Vikar, 1866-1869 zweiter Lehrer in Ueberau. Kopp unterrichtete in den Jahren nach 1862 in der neueingerichteten Fortbildungsschule. Er wanderte 1869 nach Amerika aus. Karl Philipp Bauer, * 1844 zu Reinheim, (1861-1863 im Seminar, 1863-1867 Vikar in Walldorf, 1867-1869 Vikar in Neunkirchen) 1869-1874 Vikar, 1874-1878 (t) Zweiter Lehrer in Ueberau.

Im Jahre 1905 unterrichteten die Lehrer Daniel Lantelme und Ludwig Scheuring in den beiden Ueberauer Schulklassen. Im Jahre 1910 wurde die Einrichtung einer dritten Schulklasse und einer neuen Lehrerstelle notwendig.

Mit einer Aufnahme aus dem Jahre 1914 sollen die zwei jüngsten Schulklassen von damals aus Ueberau vorgestellt werden. Der Leser mag bei der näheren Betrachtung die Klassengröße und die Ausrichtung der Kinder beobachten und seine Vergleiche zu den heutigen individualisierenden Unterrichtsmethoden ziehen. Leider ist der Name des abgebildeten Lehrers nicht mehr bekannt.


Schüler der Ueberauer Schule 1914

Erstmals in diesem Jahrhundert veränderten sich die Schulverhältnisse im Jahre 1919, als mit der Gründung des Volksstaats Hesseen die Volksschule und damit auch die Lehrerbesoldung in staatliche Hände übergeben wurde.

Bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts erkannte man, daß das in der Volksschule vermittelte Wissen und Können nicht genügte, um den Anforderungen der Berufsausbildung und Berufsausübung im Industriezeitalter gerecht zu werden. Deshalb wurde ein Fortbildungs-Unterricht nach Abschluß der regulären Schulzeit wünschenswert.

Im Jahre 1862 beschieß der Gemeinderat der im gleichen Jahre selbständig gewordenen Gemeinde Ueber-au die Errichtung und Erteilung des Unterrichts einer Fortbildungsschule zu Ueberau und schloß deshalb mit dem Zweiten Lehrer Kopp einen für die damalige Zeit fortschrittlichen Vertrag. Weil aus den Vertragspunkten die Verhältnisse in der später so genannten „Abendschule" sehr deutlich erkennbar sind, sollen diese hier wörtlich folgen:

Erst im Jahre 1874 verpflichtete das Gesetz „das Volksschulwesen imGroßherzogthum Hessen betreffend" jede Gemeinde, eine Fortbildungsschule einzurichten. Hierin liegt eine Wurzel der späteren staatlichen Berufsschule.

Als erste bisher überlieferte Quelle, die auch die Bemühungen um eine Verbesserung der Mädchenbildung anzeigt, soll zum Schluß die folgende Anzeige aus dem Jahre 1927 wörtlich wiedergegeben werden. „In Ueberau findet zur Zeit im Auftrag des Landwirtschaftsamtes Groß-Umstadt ei n von Fräulein ElseSeel aus Pfungstadt geleiteter Koch- und Handarbeitskurs statt. Dieser ist gedacht als Aufbau auf den Fortbildungsschulunterricht/' (6)


Anmerkungen:

Getreidemaß: 1 Malter = 4 Simmer = 16 Kumpf = 64 Gescheid, entspricht 112,3 Litern

Holzmaß: 1 Klafter entspricht etwa 3 cbm

(1) Im Heimatboten für Reinheim und Ueberau 1933-1935 finden sich an verschiedenen Stellen noch sehr viele Einzelheiten zur ältestens Schulgeschichte, auf die hier nur verwiesen werden kann.
(2) Ausschreiben des Großherzoglich Hessischen Kirchen- und Schulraths protestantischen Theils zu Darmstadt. (Exemplar des Pfarramtes Ueberau)
(3) Wilhelm Diehl, Hessisches Lehrerbuch, 1. Teil. = Hassia Sacra, Bd. IX, Darmstadt 1939, S. 103 f.
(4) Heimatbote für Reinheim und Ueberau 15 (1929), Nr. 17-20.
(5) Vertrag im Stadtarchiv Reinheim
(6) Heimatbote 13 (1927), S. 73