Geschichte


Herren und Höfe in Ueberau vor 1635

Heinz Reitz
(Quelle: REINHEIMER BEITRÄGE 4: Aus der Geschichte des Dorfes Ueberau; Herausgegeben vom Magistrat der Stadt Reinheim; 1991)

Nach dem weiter unten noch darzustellenden Gebäudestand von Ueberau zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehen wir davon aus, daß sich die Siedlung zunächst aus drei Kernen entwickelte. Der Schwerpunkt der Siedlung lag im „oberen Dorf", im Bereich um die Kirche herum, wie dies auch aus den Urkunden deutlich wird. Der zweite Schwerpunkt dürfte um den „Dalles" herum zu suchen sein, das ist das obere Ende der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße an der Wegegabel Lengfelder Straße / Niedergasse und der dritte, der sich jedoch nicht so stark entwickeln konnte, lag beim „Großen Sinoltshof" (Gransenhof?), dort wo die Hofgasse von der Groß-Bieberauer Straße abzweigt.

Der erste Siedlungsschwerpunkt dürfte aus katzenelnbogischen, später landgräflichen Gütern bestanden haben. Hierzu gehört zunächst der Hof, „auf dessen Gelände" die Kirche steht. Werner, Herr zu Lißberg, bekundet im Jahre 1316, daß er Werner von Reinheim und seiner Frau sowie ihren jetzigen und zukünftigen Söhnen und Töchtern den Hof zu Lehen gegeben hat. Diese Urkunde ist der Anlaß zur diesjährigen 675-Jahrfeier, obwohl das Dorf bereits 1305 in einer Urkunde des Grafen Eberhard von Katzenelnbogen genannt wird, in der dieser dem Grafen Thomas von Rieneck als Heiratsgut für seine Tochter u.a. auch Abgaben in Ueberau anweist (Demandt, Regesten, 6306). Dieser Hof könnte der 1589 genannte Ulmannshof (132 Morgen Äcker), der dem Landgrafen abgabepflichtig war, gewesen sein, denn er fiel 1399 an die Grafen von Katzenelnbogen zurück. Goedebrecht von Hoenart verkauft dem Grafen v. Katzenelnbogen den Hof zu Ueberau, auf dem die Kirche steht, den er von seinem verstorbenen Bruder Albrecht geerbt hat und von Friedrich von Lißberg zu Lehen trägt, angesichts dessen, daß der Herr von Lißberg den Hof vom Grafen besessen hat (Demandt, Regesten, 2176).

Daß es in Ueberau noch andere Herren gab, die jedoch ebenfalls vom Grafen von Katzenelnbogen abhingen, beweist die Urkunde aus dem Jahre 1331, nach der Hermann Aumann dem Grafen Wilhelm von Katzenelnbogen Abgaben verkauft, die er vom Grafen von dessen Hof zu Ueberau zu Lehen hatte (Demandt, Regesten, Nr. 761 und 849).

1403 erhält Tristram Synolt v. Rosenbach, den im oberen Dorf gelegenen Synoltshof mit allem Zubehör von Graf Johann v. Katzenelnbogen als Mannlehen (Demandt, Regesten, 2310), der dem dritten Schwerpunkt des alten Ueberau zuzuordnen ist. Es ist der älteste Beleg für ein Lehen der Familie Sinolt (v. Rosenbach) in Ueberau. Noch 1589 hat dieses Lehensgut als Gransenhof die Größe von 241 1/2 Morgendie mit einem Ochsen an einem Vormittag pflügbare Fläche; meist 25-58 a Äcker und Wiesen.

Von einem 1439 verstorbenen Ritter Sinolt hat sich, genauso wie von seiner Gemahlin (?), im Untergeschoß des Turmes der Ueberauer Kirche der Grabstein erhalten. Der Grabstein des Mannes ist aus rotem Sandstein gearbeitet (80 x 183 cm) und leider in der Mitte stark beschädigt. Im vertieften Feld ist der Ritter im flachen Relief frontal dargestellt. Der Schild vor dem linken Unterschenkel zeigt eine Hirschstange. Die Umschrift in gotischen Minuskeln verrät nur das Todesjahr 1439 eindeutig, die übrige Schrift ist durch die Verwitterung zu stark geschädigt. Der Grabstein der Frau (81 x 182 cm) ist ebenfalls sehr qualitätsvoll gearbeitet und leider ebenso stark verwittert. Die Frontaldarstellung im vertieften Feld zeigt die Frau in einem faltenreichen Gewand und mit gefalteten Händen. Zu ihren Füßen ist ein Wappenschild mit zwei Querbalken zu sehen. Die Umschrift in gotischen Minuskeln ist so stark verwittert, daß noch nicht einmal das Sterbejahr 1421 sicher gelesen werden kann. Nach Wolfert (Breuberg-Bund, SonderveröffentlichungII (1977), S. 334) gehören Philipp und Peter Sinolt zu den letzten Mitgliedern der ursprünglich im unteren Mümlingtal begüterten Familie. 1516 übernahmen Philipp und Heinrich Mosbach von Lindenfels, Wappengenossen der Familie Synolt, deren Lehen. Pfarrer Sehrt übermittelt im Heimatboten für Reinheim und Ueberau (Nr. 21/1935, S. 34) Auszüge aus einem Lehensbrief für Hans Ludwig Mosbach von Lindenfels zu dem an ihn verliehenen Großen Sinoltshof. Noch um 1780 hat dieser Hof eine Größe von 223 Morgen.

Grabplatte eines Ritters Sinolt (+ 1439)

Grabplatte einer adeligen Frau (+ 14 . .?)

Nach 1547 hat der Landgraf von dem Ulmannshof und dem Gransenhof Abgaben zu beziehen (Hess. Ortsnamenbuch (1937), S. 709). 1536 wird der Kasten- oder Erbbestandshof der Reinheimer Kirche (aus landgräfl. Vermögen) in Erbbestand verliehen. Der gleiche Hof wird 1607 in zwei Hälften erblich verliehen. Schließlich wurde dieser Hof im 19. Jahrhundert in 3 Vierteln und das restliche Viertel noch einmal dreigeteilt, an Ueberauer Bauern ausgeliehen. Die Allodifikation der Erbleihen erfolgte im 19. Jahrhundert.

Den zweite Siedlungsschwerpunkt kann man den Gütern aus einem Lehen der Grafen von Sponheim zuordnen. Auch dieser dürfte im 15. Jahrhundert von der Familie Sinolt übernommen worden sein. Auch hier könnte 1516 Philipp und Heinrich Mosbach von Lindenfels die Lehensnachfolge angetreten haben. Das 1567 für den Landgrafen von Hessen angefertigte Verzeichnis der Hubengüter des (damals bereits verstorbenen) Philipp Sinolt umfaßt denn auch 6 1/2 Hübenauch "Hufe" genannt, Gehöfte, Bauerngüter. Huber auch Hueber hießen die Bauern, die als Grundbesitz das Ackerland einer Hube (niederdeutsch Hufe) besaßen. Daraus entwickelte sich der Nachname Huber. mit 367 1/2 Morgendie mit einem Ochsen an einem Vormittag pflügbare Fläche; meist 25-58 a Äcker. 1580 belehnt der Markgraf Philipp v. Baden als Graf v. Sponheim den Dr. jur. Halver (möglicherweise als juristischen Vertreter eines Adeligen) mit 8 1/4 (6 1/4?) Hüben usw., die früher Lehen der Kalb v. Reinheim waren. 1580 hat Mosbach v. Lindenfels 9 Hüben.

Am Kleinen Sinoltshof in Reinheim (Kirchstraße 30) erhielt sich ein Wappenstein der Familie Mosbach aus dem Jahre 1633. Nach Walter Möller (Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde 24,1952/53, S. 136) und den Angaben des Reinheimer Kirchenbuches könnte es sich um die Wappen der Eheleute: Johann Ludwig Mosbach von Lindenfels (+ 1635 an der Pest) und seiner Ehefrau Amalie, Tochter des Dietz von Rosenbach (*1583,+ 1635 an der Pest) handeln. Dieser Stein ist der einzige heute noch sichtbare Beleg für die Besitzer der Reinheimer, Illbacher und Ueberauer Güter im 17. Jahrhundert. Der Vater des Johann Ludwig, Johann Andreas Mosbach von Lindenfels war, wie Möller zeigen kann, katzenelnbogischer Burgmann zu Lichtenberg, kurmainzischer Amtmann zu Krautheim und verstarb im Jahre 1609.


Das Lehen des Philipp Sinolt zu Ueberau

Über die acht Hüben, die Philipp Sinolt in Ueberau im oberen Dorf als LehenMan versteht unter Lehen das ausgedehnteste erbliche Nutzungsrecht an einer fremden Sache, welches sich auf eine Verleihung durch den Eigentümer gründet. Ein Lehnsherr hatte im Lehnswesen die Aufsicht über Vasallen. Er hatte die Verpflichtung, diesen ein Lehen (Land oder ein Amt) zu überlassen und ihnen Unterhalt und Schutz zu gewähren. Diese waren ihm dafür zu abs. Gehorsam/Dienst verpflichtet. des Grafen von Sponheim besaß, verfügen wir über die Abschrift eines Verzeichnisses aus dem Jahre 1567, das im Staatsarchiv in Darmstadt (E 9, Konv.Konvolut; Lat. convolvere = zusammenfassen; Bündel von verschiedenen Schriftstücken; Sammelband, Sammelmappe 26, Fasc.Faszikel; lat., Aktenbündel, Heft 12) aufbewahrt wird.

Hier soll nur die grobe Zusammenfassung dargestellt werden, um einen ersten Überblick zu ermöglichen, die genaue Auswertung mit Lagebezeichnungen und Flurnamen muß einer späteren Bearbeitung vorbehalten bleiben und sei hiermit angeregt.

1. und 2. Peter Krappen und Haman Schneiders Hube umfassen 54 1/2 Morgen Äcker.
3. Die Hube, die die Heiligen haben, mit den Äckern, die in das Warland gehören umfaßt 67 1/2 Morgen Äcker, ohne die Gärten.
4. Die Contzels Hube umfaßt 74 Morgen Äcker. Diese Hube war damals offenbar bereits geteilt, denn sie wird fünf namentlich genannten Besitzern zugeschrieben.
5. Die Berckmanns Hube umfaßt 63 Morgen Äcker, ohne die Gärten. Als Besitzer werden Cloß Gnande und der Kreißen Kinder genannt, also zwei verschiedene Besitzer der einen Hube.
6. Die Leyden Hube ist auf drei Besitzer verteilt.
7. Eine halbe Hube mit einer Größe von 41 1/2 Morgen Äckern ist auf drei Besitzer aufgeteilt.
8. Die Hube, die Werner Scheffer hat, umfaßt 61 1/2 Morgen Äcker. Die Summe aller Äcker und Wiesen stellt der Schreiber mit 367 1/2 Morgen fest.

Die Auswertung dieser skizzierten Liste in Verbindung mit den ausführlichen Angaben des Mosbachischen Gerichtsbuches aus der Zeit von 1593 bis 1655, das ebenfalls im Staatsarchiv Darmstadt (C 4, Gerichtsbuch Ueberau 1) aufbewahrt wird und der anschließend abgedruckten wörtlichen Überlieferung des Salbuches des Amtes Lichtenberg aus dem Jahre 1589 kann zukünftig wertvolle Hinweise über das Dorf Ueberau in der Zeit vor dem 30jährigen KriegDreißigjähriger Krieg: europäischer Religions- und Staatenkonflikt, auf deutschem Boden 1618 - 1648 ausgetragen. Im Reich standen sich zunächst die schon 1608/09 gegründeten konfessionellen Bündnisse (Union, Liga) unter Führung von Kurpfalz bzw. Bayern gegenüber. liefern.