Geschichte


Hessen

Geschichte: Hessen wurde 1945 gegründet


Ein Land als politisches Laboratorium

Geschichte - Vor 60 Jahren wurde Hessen in seiner jetzigen Form von der amerikanischen Besatzungsmacht gegründet
VON WOLFGANG HARMS
(Quelle: Darmstädter Echo vom 17.09.2005)

WIESBADEN. Ein politisches Laboratorium kommt in die Jahre: In Hessen entstand 1945 die neben Bayern erste demokratische Verfassung nach dem Ende der Nazi-Diktatur, in den fünfziger und sechziger Jahren wollte die SPD hier ein rotes "Musterländle" schaffen, in den Siebzigern und Achtzigern erlebte Hessen den Aufstieg der Grünen bis zur Bildung der ersten rot-grünen Koalitionsregierung Deutschlands, und 1999 begann die CDU hier die allmähliche Rückeroberung der Macht auf Bundesebene. Am Montag (19. September) wird das heutige Bundesland Hessen 60 Jahre alt.

Ein Experiment war schon die Bildung des Landes, dessen Regionen sich seit Jahrhunderten auseinanderentwickelt hatten und bis heute wirtschaftlich wie mundartlich unterschiedlichen Räumen angehören. 1568 teilte Landgraf Philipp der Großmütige die damalige Landgrafschaft Hessen - der Name leitet sich von dem einst zwischen Lahn und Fulda siedelnden germanischen Stamm der Chatten her - unter seinen vier Söhnen auf. Im Laufe der Zeit entstanden daraus das Großherzogtum Darmstadt und das Kürfürstentum Hessen-Kassel, das später in Preußen aufging. Das Großherzogtum blieb selbstständig und wurde 1918 beim Ende der Monarchie zum "Volksstaat Hessen", der auch das linksrheinische Gebiet von Worms bis Mainz umfasste.

Historische Differenzen kümmerten die Amerikaner jedoch wenig, als sie am 19. September 1945 per Proklamation die drei Bundesländer Groß-Hessen, Württemberg-Baden und Bayern gründeten. Ihnen war vor allem daran gelegen, wirtschaftlich lebensfähige Einheiten zu schaffen. Dabei orientierten sie sich lediglich an den Grenzen ihrer eigenen Besatzungszone. Deshalb liegt das vormals hessen-darmstädtische Mainz heute in Rheinland-Pfalz, seine früheren rechtsrheinischen Stadtteile musste es an Wiesbaden abgeben.

Trotz des ökonomischen Gefälles zwischen dem strukturschwachen Norden und dem Rhein-Main-Gebiet erwies sich das neue Hessen als stabil und äußerst erfolgreich. Das Land integrierte eine Million Flüchtlinge und Vertriebene. Gute Verkehrswege und günstige Lage zogen Investitionen an. Von 1963 an war Hessen das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Steueraufkommen. Auch Abiturienten- und Studentenzahlen waren hoch. Die SPD-geführten Landesregierungen steuerten die Entwicklung mit Investitions- und Förderprogrammen, die Titel wie "Großer Hessenplan" trugen.

Doch sozialdemokratischer Planungseifer weckte auch Widerstand: Als SPD-Kultusminister Ludwig von Friedeburg von 1970 an die flächendeckende Einführung der Gesamtschule betrieb, gingen viele Eltern auf die Barrikaden. Binnen weniger Jahre wuchs die zuvor abgeschlagene CDU zur stärksten Partei heran. Der Bau des Atomkraftwerks Biblis und der Startbahn-West am Frankfurter Flughafen brachten der gerade aufkommenden Umweltbewegung Zulauf - und damit auch den Grünen, die 1982 in den Landtag einzogen. Drei Jahre später legte Joschka Fischer vor dem Wiesbadener Landtag seinen Amtseid als erster grüner Minister Deutschlands ab.

1987 bis 1991 von einem CDU/FDP-Intermezzo unterbrochen, dauerten die rot-grünen Jahre bis zum Februar 1999. Viele Spitzenleute der heutigen Bundesregierung begannen in dieser Zeit in Wiesbadener Ministerien ihre Karrieren. Aber als SPD und Grüne auch im Bund die Macht errangen, ging ihnen Hessen verloren. Der überraschende Sieg des damaligen Oppositionsführers Roland Koch (CDU) bei der Landtagswahl 1999 war der Anfang einer langen Reihe rot-grüner Niederlagen in den Bundesländern, die am 22. Mai 2005 in Nordrhein-Westfalen ihren Höhepunkt fand. Wo die SPD sich stets etwas linker, die Union immer etwas konservativer gab als auf Bundesebene, wo die Mehrheiten meist knapp waren, verliefen auch die politischen Auseinandersetzungen meist schärfer als in anderen Bundesländern. Das klingt bis heute in den Landtagsdebatten nach. Gehalten hat sich in der Rhetorik auch der Appell an das fragile Identitätsgefühl eines zusammengefügten Landes: Hatten die SPD-Regierungen der sechziger Jahre die Parole "Hessen vorn" ausgegeben, so operiert die CDU heute mit Slogans wie "Familienland Hessen" und "Bildungsland Hessen".