Geschichte


Die Hirten

Brigitte Köhler
(Quelle: REINHEIMER BEITRÄGE 4: Aus der Geschichte des Dorfes Ueberau; Herausgegeben vom Magistrat der Stadt Reinheim; 1991)

Ältere Ueberauer können sich noch gut daran erinnern, daß Herden von Rindern, Gänsen und Ziegen durch die Straßen getrieben wurden, um den Tag über draußen zu weiden; die Gänse auf die gemeindeeigene Gänseweide an der Gersprenz unterhalb des Ortes, die Rinder auf den öffentlichen Vieh-Tummelplatz und im Herbst, ebenso wie die Ziegen, auf die Wiesen, nachdem das Grummet eingefahren war. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts besaß Ueberau, wie alle Dörfer ringsum, auch einen Hirten für die Kühe und einen zweiten für die Schweine.

Das Dingen der Hirten war immer ein besonderer Tag im Leben der Dorfbewohner, bot es doch eine Gelegenheit, zusammenzukommen und nach Wahl und Verpflichtung der Hirten kräftig zu essen und zu zechen.
Die Hirten wurden immer nur für ein Jahr gedingt. In alter Zeit geschah dies am Anfang oder Ende des Jahres durch die Gemeindeversammlung. Die Verhältnisse änderten sich nach Erlaß der hessischen Gemeindeordnung 1821. Die Ernennung von Hirten, Feldschützen und anderen Gemeindeämtern war nun Sache des Orts vor Standes, bestehend aus Bürgermeister und Gemeinderat.

In Ueberau blieb man noch 25 Jahre lang bei der althergebrachten Gewohnheit, die Hirten nach Öffentlicher Bekanntmachung durch die Ortsschelle im Wirtshaus zu wählen, ohne daß die Aufsichtsbehörde, der Kreisrat in Dieburg, dagegen einschritt. Im Januar 1846 aber erschien der Bürgermeister, es war Wilhelm Dehn aus Reinheim, bei der im Wirtshaus anberaumten Versammlung und wollte die Ernennung der Hirten selber vornehmen. Das schmeckte einigen der Anwesenden überhaupt nicht, und es kam zu einem Tumult, den der Bürgermeister in einem Bericht an den Kreisrat wie folgt schildert:

"Als ich die Ernennung der Hirten beginnen wollte und die bestellten Gemeinderäthe und Viehbesitzer fragte, ob einer oder der andere gegen die bisherigen Hirten einen Einwand hätte oder ob sie die Beibehaltung derselben wünschten, trat ein vom Branntwein Erhitzter auf und sagte, man kann auch mich zum Hirth nehmen, ich hüthe wohlfeiler, ein zweiter tritt auf und spricht, du Lump, wer kann dir Vieh anvertrauen, du bist für dich nichts nutz. Der Erste tritt wieder auf und spricht, ich will einmal sehen, ob ich die Huth nicht bekomme, glaubt ihr, ihr könnt gerade machen, was ihr wollt, ich gehe zum Herrn Kreisrath und ich war schon einmal da. Ein Dritter steht auf und spricht, die alten Hirten seyn uns gut genug, was braucht man sich um jeden Lump zu bekümmern; der Erste erwidert wieder, du bist ein so großer Lump wie ich, wie kannst du mich einen Lump heißen. Und so ging es denn noch eine längere Zeit fort.

Da ich nun sah, daß sich die Gemüther immer mehr erhitzten, trat ich kräftig auf und erklärte, wenn mir kein besonderer Einwand gegen die bisherigen Hirten vorgebracht würde, seyen dieselben wieder auf ein Jahr bestellt, sprach aber auch zugleich meine Erklärung an, daß ich auf diese Art keine Hirten mehr dinge und so kam es denn, daß ich die Bestellung der Ueberauer Hirten für das Jahr 1846 vornehmen wollte, wie es bei den Reinheimern geschieht, nemlich durch den Gemeinderath, wodurch sich die Ueberauer zurückgesetzt glauben."

Der Kreisrat gab sein Einverständnis dazu, verlangte jedoch, daß „besondere Rücksicht auf die Ansichten der mit den Lokal- und Personal-Verhältnissen genau vertrauten Ueberauer Gemeinderäthe" zu nehmen sei. Von da an wurden die Ueberauer Hirten durch den Gemeinderat gedingt und die Bedingungen schriftlich festgelegt. Wir verdanken dieser Tatsache eine fast vollständige Reihe von Hirtenverträgen von 1850 an bis ins 20. Jahrhundert hinein, wie sie in keinem anderen Gemeindearchiv der Umgebung zu finden ist.


Die Bestellung der Hirten

Zwar wurden Gemeindehirten von altersher immer nur für ein Jahr bestellt (=gedingt); wenn nicht schwerwiegende Gründe dagegen sprachen, verlängerte die Gemeinde aber in der Regel ihren Vertrag. Es gibt Beispiele dafür, daß Hirten ihr Leben lang einer Gemeinde dienten und ihr Amt dann von Sohn und selbst Enkelsohn übernommen wurde. Auch das Gebot, im Interesse der Gemeindekasse, dem „Wenigstnehmenden" den Vorzug zu geben, wurde bei den Hirten nicht angewandt. Der Hirtenlohn reichte ohnehin kaum aus, den Hirten mit seiner oft großen Familie zu erhalten.

In der alten Landwirtschaft wurde vieles so gehandhabt wie es seit „unvordenklichen" Zeiten üblich war, man dachte daher nicht daran, es auch schriftlich festzuhalten. Der älteste, erhalten geblichene Hirten vertrag enthält nur 5 Paragraphen, die der Gemeinde offenbar wichtig erschienen. Er lautet:

Geschehen Ueberau am 28. Dez. 1850

Heute wurden die hiesigen Hirten gedingt u. hierbei folgendes festgesetzt:

1. dieselben müssen zu gehöriger Zeit aus- und einfahren.
2. hat ein jeder für das Vieh, welches ihm zur Heerde getrieben wird, zu haften, daß dasselbe wieder ins Ort kommt.
3. hat jeder Hirt für allen Schaden, was durch Vieh, Hund, Dienstboten pp. geschieht, zu haften.
4. Sollte etwa Schaden geschehen, so wird dem Hirt ohne gerichtliches Einschreiten von dessen Pfriem (Pfründe) einbehalten und zwar so viel als der Schaden verursacht.
5. Sollte einer oder der andere vorstehende Bedingungen nicht erfüllen, so ist der Bürgermeister berechtigt, denselben seines Dienstes zu entsetzen, und zwar zu jeder beliebigen Zeit, wo er seine Pflicht nicht erfüllt."

Der Vertrag wurde den Hirten vorgelesen (mancher war des Lesens nicht mächtig), sie mußten ihn unterschreiben und mit Handschlag geloben, sich genau an die Bedingungen zu halten.

Die Möglichkeit, für Schäden haftbar gemacht zu werden, mag wie ein Alp träum auf den Hirten gelegen haben, entsprach aber altem Herkommen. So mußten Hirten im Mittelalter schwere Keulen bei sich haben, um die ihnen anvertraute Herde gegen wilde Tiere oder Räuber verteidigen zu können.

Wie häufig Regreßforderungen gestellt wurden, ist nicht bekannt. In den Akten des ehemaligen Kreisamtes in Dieburg finden sich nur wenige Fälle; in manchen wurden die Hirten auch frei gesprochen. Aber auch bei Verurteilung blieb ihnen noch der Petitionsweg offen. So erreichte z.B. der Schweinehirt von Spachbrücken 1846 durch ein Gesuch an das Ministerium des Innern und der Justiz (!), daß ihm eine Strafe von 10 Gulden erlassen wurde, zu der ihn das Landgericht wegen eines auf 30 Kreuzer geschätzten Flurschadens verurteilt hatte.

Die Entlohnung der Hirten

Im Gegensatz zur Verantwortung, die die Hirten für das Vieh des Dorfes zu übernehmen hatten, war ihr Lohn sehr gering. Im Hirtenvertrag für das Jahr 1854 heißt es:

„Der Schweinehirt Martin Holz hütet die Schweine, l Mutterschwein für 1Simmer, 1 Frischling 1 Kampf und von 1Ferkel 1 Gescheid Gerste.
Der Kuhhirt Konrad Waldhaus hat von jedem Stück Rindvieh zu beziehen 2 Gescheid Gerste und der Gänzhirt J. Vogel wie bisher."

Die Hirten mußten ihren Lohn selbst bei den einzelnen Viehbesitzern einsammeln. Er erscheint daher auch nicht in den Gemeinderechnungen. Die Bezahlung in Getreide war zwar recht umständlich, hatte aber den Vorteil, wertbeständig zu sein - man konnte immer die gleiche Menge Brot daraus backen. Schwankend war allerdings die Größe der Herde. Während andere Gemeinden der Umgebung, wie z.B. Groß-Bieberau, schon 1830 dazu übergingen, ihren Hirten unabhängig von der Zahl der zu hütenden Tiere eine feste Geldsumme zu garantieren, wurde der Schweinehirt in Ueberau noch 1890 pro Stück und in Getreide entlohnt.

Von 1865 an erhielten die 3 Hirten in Ueberau (für Kühe, Schweine und Gänse) zusätzlich die Nutznießung eines Allmend-Grundstückes. Darauf bauten sie vor allem Kartoffeln an, das Hauptnahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung im 19. Jahrhundert. Dazu findet sich in jedem der folgenden Verträgen die Bemerkung:

„Es wird noch um Streitigkeiten vorzubeugen zur Bedingung über die Allmendstücke gemacht, daß wenn ein Hirte im Laufe des Jahres durch Zufall oder Nachlässigkeit seines Dienstes entlassen wird, derselbe nur auf die bestellt Creszentien (Früchte) sowie seines Lohnes so weit Anspruch zu nehmen hat, als er Dienst geleistet hat und sein etwaiger Nachfolger dafür an den Creszentien sowie an dem vorbedungenen Lohn entschädigt wird.

2. Sollte ein Hirte im Herbst sein Allmendstück mit Winterfrucht bestellen undfür das nächste Jahr kein Hirte mehr bleiben, so hat derselbe auf nichts ah auf Ackerlohn und Säsamen Anspruch zu machen, welche Vergütung zum Taxieren der Ortsvorstandfür endgültig berechtigt ist."


Das Hirtenhaus

Zum Lohn der Hirten gehörte in der Regel auch die kostenlose Unterbringung. Die Gemeinde stellte ihnen dazu das meist extra zu diesem Zweck erbaute Hirtenhaus zu Verfügung, sie mußten es räumen, sobald ihre Dienstzeit beendet war. Das ehemalige Ueberauer Hirtenhaus in der Lengfelderstraße 4/6 ist bis heute erhalten geblieben. Eine hohe Treppe führte zu den Wohnungen, in denen einst Kuh- und Schweinehirt lebten. Im Untergeschoß war Platz für Vorräte, Ziege und Schwein.

Das Haus wurde nach 1842 an 2 Privatleute verkauft. Als Ausgleich erhielten die Hirten einen Mietzuschuß. So bekamen z.B. der Kuh-und der Schweinehirt für 1870 12 Gulden Hausmiete, die in vierteljährlichen Raten gezahlt wurden, der Gänsehirt 6 Gulden.


Das ehemalige Hirtenhaus im Jahre 1990
(Zeichnung: Wilhelm Stuckert)

Die Gemeinden benutzten das Hirtenhaus, meist das einzige Haus in ihrem Besitz, häufig auch zur Beherbergung von durchziehenden armen oder kranken Leuten, zu der sie gesetzlich verpflichtet waren. Die Hirtenfamilien mußten dann noch weiter zusammenrücken und, wenn auch nur vorübergehend, fremde Personen bei sich aufnehmen.

Diese Verpflichtung blieb auch nach Verkauf des Hirtenhauses an den Hirten haften. In allen Ueberauer Hirtenverträgen findet sich der Passus: „Der Hirt übernimmt die Verbindlichkeit, die armen Ortsfremden, welche kein Nachtquartier erhalten können, unentgeldlich zu übernachten, sollte sich derselbe dagegen äußern, so ist der Bürgermeister befugt auf dessen Kosten ein Quartier zu nehmen und an seinem Hausmieth in Abzug zu bringen."


Die Pflichten der Hirten

Am frühen Morgen gingen die Hirten mit ihren Hunden durch den Ort und gaben mit einer Trompete oder durch lautes Peitschenknallen das Signal zum Aufbruch. Die Viehbesitzer öffneten die Stalltüren und die Tiere schlossen sich von selbst der vorbeiziehenden Herde an. Auch bei der Heimkehr am Abend fand jedes Tier allein in seinen Stall zurück. Mit der Herde wurden auch die Faseltiere auf die Weide getrieben und verrichteten dabei auf natürliche Weise ihr Deckgeschäft. Selbst die Bullen liefen frei mit, was immer wieder zu unliebsamen Zwischenfällen führte und schließlich per Gesetz verboten wurde.

Als Weide dienten die brachliegende Flur, Stoppelfelder und abgeerntete Wiesen, vor allem aber der Wald. Ueberau besaß zusammen mit Reinheim den Wald an der „Schaubach". Die Bezeichnung „Kühruh" im Schaubacher Wald erinnert noch heute daran, daß sich die Rinder dort niederzulegen pflegten, um widerzukäuen und sich auszuruhen. Durch Übernutzung bestand der Wald früher nur aus wenigen alten Bäumen, vor allem aber aus Strauchwerk und grasigen Flecken. Erst im 19. Jahrhundert ging man daran, den Wald systematisch zu bewirtschaften und den Weidebetrieb einzuschränken. Das bekam auch der Ueberauer Kuhhirt zu spüren. Im Vertrag von 1875 wurde besonders betont, daß „die Hirten die auf der Ruhe befindlichen jungen Bäume schützen müssen. Wenn eins durch ihre Herde beschädigt wird, dann haben sie das Stück mit 48 Kreuzern zu bezahlen und es gleich bei der ersten Hausmiete zur Abrechnung kommt."

Nicht erwünscht war auch die Tatsache, daß sich die Hirten manchmal durch Kinder vertreten ließen, ausdrücklich wurde festgehalten: „Es darf keine Herde durch Kinder gehütet werden, sondern durch einen tüchtigen Mann."

Eine Besonderheit bei Hirtenverträgen ist die Verpflichtung der Ueberauer Hirten „vorkommenden Pfandwegnahmen beizuwohnen und die, P/ander wegzutragen, wofür dieselben jedoch besonders belohnt werden."

Dies war eine sehr unangenehmen Aufgabe, zu der sonst wohl niemand bereit war. Pfändungen wurden sehr schnell angeordnet, wenn jemand seine Steuer nicht bezahlen konnte. Oft waren es arme Leute, die es besonders hart traf, wenn ihnen daraufhin ein Schwein, eine Ziege oder gar ein Rind weggenommen wurde, und sie damit eine Einschränkung ihrer sowieso schon kümmerlichen Lebensweise in Kauf nehmen mußten. Alle Dörfer, die Dreifelderwirtschaft betrieben, hatten von altersher einen von der Gemeinde angestellten Hirten für die Kühe und Rinder und einen zweiten für die Schweine des Dorfes, oft auch noch einen dritten für die Gänse. Von ihnen soll in den folgenden Abschnitten die Rede sein.


Kuhhirten

Während heute die meisten Betriebe „viehlos" wirtschaften, spielte die Rindviehhaltung früher eine wichtige Rolle. In kleinen und mittleren Betrieben wurde die Feldarbeit fast ausschließlich mit Kühen verrichtet, die Kuh war das Zugtier des kleinen Mannes, sagte man. Außerdem war Stallmist der einzige nahezu vollwertige Dünger, der zu Verfügung stand - künstliche Düngung setzte sich erst langsam im Laufe des 20. Jahrhunderts durch.

Durch die Einführung der Stallfütterung wurde die Kuhherde im Laufe des 19. Jahrhunderts immer kleiner, sie bestand schließlich nur noch aus den jungen Tieren, die frische Luft und Bewegung brauchten. Für jedes „sprungfähige Vieh" bekam der Kuhhirt 2 Simmer Gerste im Jahr, für jeden „Gewöhnung" zusätzlich noch einen Laib Brot oder den Ladenpreis dafür. Dieser sog. „ Wöhnlaib" war schon im Mittelalter üblich, „soofteiner ein jung oder erkauftes Vieh unter die Herde schlägt, ist er dem Hirten ein Wöhnlaib schuldig", heißt es in alten Weistümern.

Langjähriger Kuhhirt der Gemeinde Ueberau war der 1811 als Tagelöhnerssohn dort geborene Georg Adolph Meyer. Als es sich 1884 für die Gemeinde nicht mehr lohnte, einen Kuhhirten zu ernennen, hütete er noch 10 Jahre lang die Schweine. Am 12.12.1895 ist er im Alter von 84 Jahren verstorben!

Aufgabe des Kuhhirten war es auch, den Faselochsen am Abend 2 Gescheid Hafer zu verabreichen. Er bekam dafür extra ein Paar Schuhe bzw. ihren Wert in Höhe von 4 Gulden 30 Kreuzer. Später übernahm der Polizeidiener diese Arbeit. Sie diente der Sicherheit, daß die Bullen auch wirklich das festgesetzte Maß an Kraftfutter bekamen.

Die Faselochsen (=Bullen) wurden von der Gemeinde angeschafft, zur Unterhaltung aber an Bauern vergeben. Bei der Versteigerung der Faselochsen hatte der Gemeinderat die Wahl zwischen den beiden „Wenigstnehmenden"'. Der Betrag wurde vierteljährlich aus der Gemeindekasse bezahlt und auf die Viehbesitzer umgelegt. Er betrug z.B. 1855 40 Gulden, 1898 1050 Mark. Außerdem hatte der Faselhalter die Nutznießung von einigen Güterstücken - dem großen Ochsenstück, dem Wiesenstück am Wehr und dem Gemeindeweg daselbst, wobei der Weg aber 20 Fuß in der Breite für den Fahrbetrieb offen bleiben mußte. Später übernahm die Gemeinde die Faselhaltung in eigene Regie. Der Faselstall befand sich im 19. Jahrhundert im Anwesen Lengfelder Straße 8. Im Jahre 1963 wurde der Faselstall, der sich zuletzt im Anwesen Wilhelm-Leuschner-Straße 39 befand, geschlossen.

Im Archiv erhalten geblieben sind die „Bedingungen für die Vergebung der Faselwärterstelle" vom 16.2.1929. Danach mußte sich der Faselwärter verpflichten — gewählt wurde dann Friedrich Philipp Füllhardt — neben dem Faselwärterdienst „noch aufBeschluß des Gemeinderates den Dienst als Gänsehirt, Ziegenhirt, Wegearbeiter usw. zu übernehmen, unter entsprechender Vergütung der fraglichen Arbeiten. Außerdem hat er beim Mähen und Ernten des Heugrases sowie beim Abladen von Rauhfutter und Hafer ohne Aufforderung mitzuhelfen." Die Vergütung als Faselwärter betrug monatlich 62 Reichsmark, dazu zahlte die Gemeinde den gesetzlichen Anteil an Krankenkasse und Invalidenversicherung.

Friedrich Philipp Füllhardt blieb viele Jahre im Dienst der Gemeinde. Im Auftrag des Rinderzuchtvereins brachte er auch die zur Zucht bestimmten Rinder auf den Tummelplatz in der „Pfütze" und hütete sie nach der Grummeternte auf den Wiesen „Hinter dem Dorf.


Schweinehirten

Schweine haben für den Menschen den Vorteil, daß sie Abfälle aller Art verwerten. Auch ärmere Familien konnten den Sommer über ein Tier fett bekommen und zu Weihnachten schlachten. Der Fleischvorrat mußte dann für das ganze Jahr reichen. Schweine fressen auch gern Bucheckern und Eicheln. In „Mastjahren", d.h. wenn es in den Wäldern reichlich von diesen Früchten gab, „konnte selbst der ärmste Tagelöhner, welcher ansonsten kaum eine Geiß unterhalten kann, etliche Stück fett bekommen, wovon ansonst dann ein guter Theil wieder verkauft wird", schrieb der Amtmann von Lichtenberg 1778 in einem Bericht über die wirtschaftliche Lage des Amtes. In Mastjahren wurden die Schweine Ende September, nach Beendigung der Hirschbrunst in die Wälder getrieben, in die gemeindeeigenen in der „Schaubach" und an der „Altscheuer" bei Lichtenberg, manchmal auch in weiter entfernte fremde Waldungen, wofür dann ein Mastgeld entrichtet werden mußte. Um Diebstählen vorzubeugen, brannte man den Tieren vorher ein Erkennungszeichen ein. Während der Mastzeit blieben die Schweine im Wald, die Nächte verbrachten sie geschützt in Pferchen aus Dornengestrüpp oder Stellsteinen, woran heute noch Flurbezeichnungen wie Sausteige, Saustall oder Säuruh erinnern.

Die Waldmast verlor im 19. Jahrhundert an Bedeutung. Mastjahre wurden immer seltener, und viele Waldteile wurden mit Tannen und Fichten aufgeforstet. Die Schweine konnten nur noch innerhalb der Gemarkung geweidet werden. Schweine fühlen sich auf feuchten, zum Suhlen geeigneten Flächen besonders wohl, so wird der „Schweinsgraben" an der Gemarkungsgrenze zu Klingen hin ein beliebter Aufenthaltsort der Schweine gewesen sein. Ansonsten fanden die Tiere an den vor der Flurbereinigung noch zahlreichen Ackerrainen und in den Rechen genügend Nahrung.

Viele Jahre lang (bis 1870) wurden die Schweine von Martin Holz gehütet. Er stammte aus Unterhambach, wo sein Vater Leinweber, aber auch Gemeindehirt war, und heiratete 1834 die Ueberauer Hirtentochter Elisabeth Margarethe Vogel.

Die Haltung der Gemeineeber wurde an Bauern vergeben. Der Hirte hatte die Tiere jeden Morgen bei ihnen abzuholen und abends wieder heimzutreiben. Noch bei der Vergabe der Eberhaltung 1921 wird ausdrücklich das Austreiben der Faseltiere mit der Herde gestattet. In den älteren Hirtenverträgen ist nur festgehalten, daß der Hirt "zu gehöriger Zeit aus- und einzufahren" habe, „in der Erndte eine Stunde früher als gewöhnlich". Für 1875 wurden die Zeiten zum ersten Mal genau festgelegt: „Der Schweinehirt und der Gänsehirt sind verbunden, vom l. März an von Morgens 6 Uhr bis Mittags 11 Uhr, von Mittags 2 Uhr bis Abends jeden Tag, wenn es die Witterung erlaubt, auszufahren, von der Ernte-Zeit an den ganzen Tag durchaus bis Abends draußen zu bleiben und so lange zu hüten bis der Winter es unmöglich macht."

Als Lohn bekam der Schweinehirt von einem Mutterschwein l Simmer Gerste, von einem Mutter seh wein, das „im laufenden Jahr keine Junge abwirft" ein halb Simmer Gerste, von einem Frühling (Frischling) vier Gescheid und von einem Ferkel l Gescheid.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Schweine zur Förderung ihrer Gesundheit wenigstens für einige Stunden nach draußen getrieben. Der letzte noch vorhandene Vertrag, datiert vom 31.12.1904, enthält folgende Bestimmung: „Der Schweinehirt hat am 1. März 1905, wenn es die Witterung erlaubt, jeden Tag mit den ihm zugetriebenen Schweinen einige Stunden in die Brensbacher Hohl zufahren, und zwar von Vormittags 6—10 Uhr. Nach der Erndte muß derselbe, wenn das Stoppelfeld beweidet werden kann, in die Stoppel fahren. Den Eber hat er abzuholen und heimzufahren." Die Bezahlung geschah nun in Raten aus der Gemeindekasse. Nach Vorlesen der Bedingungen wurde ausgeboten, den Zuschlag erhielt Heinrich Weber Wwe. für 180 Mark. Die zur gleichen Zeit gedingte Gänsehirtin, die Ehefrau von Sebastian Lippert, bekam 250 Mark.


Gänsehirten

Neben einem Kuh- und Schweinehirten gab es in Ueberau von altersher auch einen Gänsehirten. In den Beisassenlisten erscheint 1791—1798 ein Jacob Seybold als Gänsehirt, im Kirchenbuch wird Georg Daniel Roßler (geb. 1752, + 1809) als ein solcher bezeichnet.

Gänse wurden vor allem ihrer Federn wegen gehalten. Es war selbstverständlich, daß jedes Mädchen selbst erzeugte Federbetten mit in die Ehe bekam. Ein Gänsebraten kam dagegen nur selten und nur bei größeren Bauern auf den Tisch. Den Gänsen wurden mehrmals im Sommer die Daunenfedern ausgerupft, immer wenn sie ,Jlügge" wurden, d.h. wenn sich ihre Federn relativ leicht ausreißen ließen. Das "Koppen" war Sache der Frauen, manche waren darin besonders geschickt und wurden von Haus zu Haus darum gebeten.

Schöne Federn und Daunen liefern Gänse aber nur, wenn sie genügend Auslauf haben und sich in Bächen oder Teichen baden können. Die Ueberauer Gänse wurden vor allem auf den Wiesen entlang der Gersprenz geweidet. Dort besaß die Gemeinde „In der Pfütze" eine große Wiese, die sog. Gänseweide. Dem Gänsehirten stand von jeder Gans l Gescheid Gerste und 2 Kreuzer an Geld zu, die er selbst bei den Eigentümern einsammeln mußte. Die Gemeinde gewährte ihm, wie den anderen Hirten, auch einen Beitrag zum Hauszins und die Nutznießung eines All-mendstückes. Für viele Jahre war Jacob Vogel Gänsehirt der Gemeinde; nachdem er 1857 gestorben war, übernahm seine Witwe noch für l Jahr sein Amt. Dann folgten Georg Adolf Bernius I, Georg Meyer II, Peter Büdinger, Georg Meyer 8. und Georg Luft, jeweils für einige Jahre. Der letzte, erhalten gebliebene Gänsehirten-Vertrag stammt aus dem Jahr 1927. Danach wurden die Gänse ab l. April an jedem Wochentag, wenn es die Witterung erlaubte, bis zum Spätherbst ausgetrieben, und zwar von Morgens 7-10 Uhr und nachmittags von 2-6 Uhr. Wenigstnehmender war Benjamin Lang für seine Ehefrau Magdalene Lang. Sie erhielt dafür eine monatliche Vergütung von 50 Mark und war während der Hirtentätigkeit gegen Krankheit und Invalidität versichert.


Ziegenhirten

Als „Kuh des kleinen Mannes" war die Ziege von großer Bedeutung namentlich für die ärmere Bevölkerungsschicht; sie lieferte Milch und ab und zu einen Braten. In Ueberau hatte fast jede landarme Familie ein oder zwei Ziegen im Stall. Futter wurde an Weg- und Bachrändern gemacht und in Tüchern oder mit Handwagen nach Hause gebracht. Mit der Zahl der Land-Besitzlosen stieg im 19. Jahrhundert auch die Zahl der Ziegen an. Einen großen Aufschwung nahm die Ziegenhaltung durch die Einkreuzung von Ziegen aus dem Schweizer Simmen- und Saanetal. 1892 wurde in Pfungstadt der 1. deutsche Ziegenzucht verein gegründet. Das neue Zuchtprodukt, die „Weiße deutsche Edelziege" erreichte mit bis zu 7 Litern am Tag erstaunliche Leistungen und wurde zu einem Verkaufsschlager über die Grenzen Deutschalnds hinaus.

Tiere mit anerkannten Papieren erzielten gute Preise — sie wurden allerding nur ausgestellt, wenn der Vater zweifelsfrei feststand. Das war aber nur möglich, wenn die Böcke nicht mit der Herde getrieben wurden. Von dieser Gewohnheit mochte man in Ueberau aber nicht abgehen. Mit einem Schreiben vom 25.9.1926 machte das Kreisamt in Dieburg den Bürgermeister in Ueberau darauf aufmerksam, daß im Interesse der Ziegenzucht die Ziegenböcke nicht mit den Muttertieren zusammen ausgetrieben werden dürften. Auch der Ziegenzuchtverband in Reichelsheim gab am 23.9.1926 zu bedenken, „daß sich der Ziegenzuchtverein (in Ueberau) in der Hauptsach aus minderbemittelten Leuten zusammensetzt, für die der Verkauf von Zuchtmaterial mit einwandfreiem Abstammungsnachweis eine höchst erwünschte Einnahme bedeutet". Aber die Ueberauer waren offenbar nicht zu belehren; im Gemeindearchiv liegt noch eine am 18.9.1930 an die Hess. Bürgermeisterei Ueberau gerichtete Eingabe vor: „Es wünschen sämtliche Ziegenhalter, daß die Ziegenböcke mit auf die Weide gehen", unterschrieben von 28 Personen. Einem Vermerk zufolge wurde die Eingabe aber am 23.9.1930 einstimmig vom Gemeinderat abgelehnt. Die Haltung der Böcke lag zu dieser Zeit in Händen der Gemeinden. Sämtliche Vatertiere des Kreises wurden einmal im Jahr durch Sammelkörungen in Groß-Umstadt, Groß-Zimmern und Groß-Bieberau von Vertretern des Tierzuchtamtes Darmstadt begutachtet und notfalls abgekört. Laut Schreiben des Landrates vom 5.7.1951 lag Ueberau zusammen mit 9 anderen Gemeinden an vorderster Stelle, was die Haltung und Pflege der Böcke betraf. Je besser die Zeiten wurden, desto geringer wurde die Ziegenhaltung. 1960 schaffte die Gemeinde keinen neuen B ock mehr an, die wenigen, noch verbliebenen Ziegenhalter mußten ihre Tiere zum Bock nach Reinheim führen.

Ziegen sind als Weidetiere sehr unbeliebt, weil sie Bäume und Sträucher schädigen und Aufwuchs verhindern. Herrschaftliche Verordnungen verboten daher schon sehr früh das Weiden von Ziegen vor allem im Wald. Durch ein Schreiben des Landrats vom 19.9.1824 wurde das Austreiben von Geißen und Böcken nur noch vom 20. September bis zum 20. Oktober erlaubt. Meist übernahm der Schweinehirt die Ziegenhut gemeinsam mit seinen Tieren auf den Stoppelfeldern und auf den Wiesen nach der Grummeternte. Mit einer Forderung pro Woche von 25 Mark übernahm Elisabeth Lippert Wwe. am 14.9.1927 die Ziegenhut für die Gemeinde Ueberau. Sie hatte „täglich, sowie es die Witterung erlaubte, auszufahren, und zwar von mittags zwischen 11 und 12 Uhr, Dauer der Weidezeit bis abends 6 Uhr."

In den Notzeiten im und nach dem 2. Weltkrieg nahm die Ziegenhaltung allgemein wieder zu. Bis Anfang der 50er Jahre wurden in Ueberau wie in anderen Orten die Ziegenherden im Herbst auf die Wiesen getrieben. Die Klapper des Hirten und sein Ruf: „Geißen raus, der Bock ist aus" lockten am Morgen die Tiere aus den Ställen. Am Nachmittag zwischen 4 und 5 Uhr kehrte die Herde wieder heim. Frauen und Kinder standen erwartungsvoll am Weg und griffen ihre an farbigen Halsbändern kenntlichen Ziegen heraus.