Geschichte


Aus der Ortsgeschichte von Ueberau

(Adolf Bernius, Ueberau)

Ueberau liegt im Lößgebiet am nordwestlichen Rande des Odenwaldes und zieht sich, etwas erhöht, langgestreckt am rechten Ufer der Gersprenz hin. Ursprünglich war Ueberau ein reines Straßendorf, umgeben von fruchtbaren Äckern, Wiesen und Obstgärten. Inmitten des Dorfes, auf einer kleinen Erhöhung, steht die aus dem 13. Jahrhundert stammende Kirche. Sie war mit einer Wehrmauer umgeben, worauf heute noch die hohe Stützmauer auf der Westseite hinweist. Das Dorf selbst war mit einem Palisadenzaun umgeben. Vom Seeweg aus hat man einen herrlichen Ausblick: Im Osten erhebt sich die trutzige Veste Otzberg, im Süden erblickt man das stolze Schloß Lichtenberg, dahinter die Wälder rund um die Neunkirchner Höhe, gegen Norden breitet sich der Rodgau aus, an dessen Horizont man bei klarem Wetter den Taunus gerade noch erspähen kann. Nachdem die Germanen die römischen Grenzbefestigungen, den Limes, überrannt und die Besatzungstruppen über den Rhein gedrängt hatten, kam der Odenwald unter die Herrschaft der Alemannen und später der Franken (Fränkisch-Crumbach). In die alemannische Zeit dürfte die Gründung von Ueberau fallen, denn die Ortsnamen mit den Endungen au, ach, weil, hofen, ungen sind meist alemannischen Ursprungs.

Will man von der Dorfgeschichte Ueberau's berichten, so muß man im gleichen Atemzuge Reinheim nennen, denn Reinheim und Ueberau waren sowohl gemeindepolitisch, als auch kirchlich bis ins 19. Jahrhundert vereinigt. Ueberau besitzt wohl eine umfangreiche Chronik, doch Aufzeichnungen aus dem Mittelalter fehlen, während im benachbarten Reinheim noch Urkunden und Dokumente vorhanden sind, die viel dazu beitragen, sich ein Bild von unserer Gemeinde aus vergangenen Zeiten zu machen.

Ueberau, im Volksmund "Iwwero" genannt, wird urkundlich erstmals 1316 erwähnt, wo ein Heilmann von Düdelsheim dem Werner von Lißberg einen Hof "da die Kirche innesteht", abkauft und dem Werner Kalb von Reinheim als Wittum überläßt (Wittum das der Frau vom Manne als Brautgabe zugewandte Vermögen zur späteren Witwenversorgung). Im katzenellnbogischen Kopialbuch wird Ueberau als "Uberahe" benannt. In einer Reinheimer Urkunde vom Jahre 1326 heißt es "Uberawe". Anno 1330 finden wir es mit "Ubira" bezeichnet. Um 1500 heißt es "Oberahe" und 1625 "iberaw" und "Uberaw". Die ähnlichste Form mit dem jetzigen Namen finden wir 1318 mit "Ubera". Deutung des Namens wohl: "obere Aue" (Wersau = untere Aue).

Funde aus der Vorgeschichte des Dorfes fand man in den Gewannen "im Sand . "Zwischen den Reschen" und "Am langen Stein". Die von dem im Jahre 1958 verstorbenen Ortspfarrer Dr. Hahn, gemachten Ausgrabungen "Am langen Stein" brachten über 200, z.T. reich verzierte Scherben aus der "Rössener Kultur" (Schnurkeramiker) zu Tage. Die Scherben lagen in tief schwarzem Boden und lassen darauf schließen, daß es sich um eine 5000 Jahre alte Siedlung handelt. Die Funde sind z.T. im Landesmuseum in Darmstadt ausgestellt.

Ueberau, das zum Amt Lichtenberg gehörte, kam in der Mitte des 13. Jahrhunderts in den Besitz der Grafen von Katzenelnnbogen. Nach dem Erlöschen des Mannesstammes des katzenelnbogischen Geschlechts im 15. Jahrhundert geht durch Heirat der Tochter des verstorbenen katzenelnnbogischen Grafen Philipp mit dem Hessischen Landgrafen Heinrich III. unser Dorf an Hessen über. In jener Zeit sind in Ueberau begütert die Familien Mosbach von Lindenfels, Kalb von Reinheini, Synold vonRosenbach und die von Meisenbug. Der Landgraf hatte die hohe Landesobrigkeit (Amt Lichtenberg). In Ueberau selbst bestand ein Hub- und Landsiedelgericht, das der Familie Mosbach von Lindenfels gehörte. Neben diesem Gericht bestand noch eines für die pfälzischen Hüben, das die Kalb von Reinheim zu Lehen hatten. Die Reinheimer Kirche war in Ueberau mit dem "Reinheimer Kirchenkastengut" begütert, das 1574 als Kasten- oder Heiligen Hof erwähnt wird, einem Erbleihgut mit etwa 140 Morgen Feld und Gärten, die sich an der jetzigen W. -Leuschner-Straße vom Haus des früheren Johannes Seibold VI. bis zur "Lücke" erstreckten und heute noch als "Kastengärten" bekannt sind. Ferner bestanden der "Ulmannshof" und der Granshof (im 16. Jahrhundert hatten der Ulmannshof 132 und der Granshof 241 Morgendie mit einem Ochsen an einem Vormittag pflügbare Fläche; meist 25-58 a Feld).

Zu Ueberau gehört auch der Ortsteil "Hundertmorgen" mit 3 Anwesen. Bodenfunde lassen den Schluß zu, daß hier früher eine römische Siedlung gewesen ist, zumal Dieburg in der Nähe liegt, das ja Hauptetappenort für die römischen Kastelle des Mainbogens nachgewiesen ist.

Einst soll eine Wallfahrtsstraße vom Gersprenztal herkommend über die "Hundertmorgen", Ueberau, am Reinheimer Teich vorbei nach Klein Zimmern und Dieburg geführt haben. Auch "Hundertrnorgen" gehörte einst der Mosbachschen Familie in Lindenfels. Später übernahm die Familie von Pöllnitz die "Hundertmorgen" als LehenMan versteht unter Lehen das ausgedehnteste erbliche Nutzungsrecht an einer fremden Sache, welches sich auf eine Verleihung durch den Eigentümer gründet. Ein Lehnsherr hatte im Lehnswesen die Aufsicht über Vasallen. Er hatte die Verpflichtung, diesen ein Lehen (Land oder ein Amt) zu überlassen und ihnen Unterhalt und Schutz zu gewähren. Diese waren ihm dafür zu abs. Gehorsam/Dienst verpflichtet.. In unserer Dorfkirche erinnern noch 2 Grabsteine aus dem 15. Jahrhundert an die Familie von Synold. Wo heute das Gasthaus Waldhaus/Baltz steht, war früher der "Synoldshof". Das Gasthaus wird heute noch Hofhaus genannt. Auch die Hofgasse hält die Erinnerung an den Synoldshof wach. Die Alten wissen noch, daß der Hof von der Familie "Nafziger" verwaltet wurde. Die "Nafziger" gehörten der Sekte der Mennoniten an. Über das weitere Schicksal des Hofgutes berichtet die Pfarreichronik folgendes: "Durch den Herrn Gottfried Karl Willich, genannt von Pöllnitz, Ökonom zu Reinheim, wurde das Ueberauer Hofgut im Jahre 1860 an Frankfurter Juden für 75 000 fl. verkauft, und durch diese mit bedeutendem Gewinn parcelliert. Die Hofraithe, Wohnhaus nebst 2 Scheunen und Stallungen, nebst 26 Morgen Feld und Wiesen erkaufte Georg Petri II. Das Hofhaus sollte im Jahr 1876 als Schulhaus von der Gemeinde angekauft werden; 6 Gemeinderäte waren dafür, 5 dagegen. Die Sache kam vor den Kreisausschuß und vor den Provinzialausschuß, und wurde von letzterem gegen den Ankauf entschieden. "

Der 30jährige KriegDreißigjähriger Krieg: europäischer Religions- und Staatenkonflikt, auf deutschem Boden 1618 - 1648 ausgetragen. Im Reich standen sich zunächst die schon 1608/09 gegründeten konfessionellen Bündnisse (Union, Liga) unter Führung von Kurpfalz bzw. Bayern gegenüber. bringt unser Volk an den Rand des Abgrundes. Zu Beginn des furchtbaren Krieges hatte Deutschland 18 Millionen Einwohner, nach 30 Jahren lebten nur noch 3 Millionen. 15 Millionen Menschen sind erschossen, ermordet oder zu Tode gequält worden, sind verhungert oder an der Pest gestorben. Besonders das Jahr 1635 brachte der hiesigen Gegend und damit auch Ueberau schreckliche Drangsale. Kroatische Soldaten zwangen die Einwohner, soweit sie nicht auf das Schloß Lichtenberg oder sonst wohin geflüchtet waren, durch sadistische Quälereien, verstecktes Geld und Gut herauszugeben oder zu verraten. In Reinheim wurden 18 Personen totgeschlagen, andere unmenschlich gemartert, so durch den berüchtigten "Schwedentrunk". - "Fast alle weibspersonen und Jungfrauen, welche nicht ausgerissen, geschändt und übel zerschlagen". Auch kaiserliche, französische, italienische, schwedische und spanische Truppen zogen plündernd, brandschatzend und mordend durchs Land. In Ueberau waren die meisten Häuser niedergebrannt. Nur 11 Häuser standen noch. Die Not des Volkes sollte noch größer werden. Die Pest, die seit Jahren in unserer Gegend vereinzelt auftrat, brach im Frühjahr 1635 mit aller Gewalt aus und forderte immer mehr Opfer. Die halbverhungerten Menschen hatten keine Widerstandskraft mehr, sie verstarben so schnell und zahlreich, daß man sie kaum begraben konnte. Die Unsicherheit war so groß, daß die armen Menschen sich nicht getrauten die Toten zu bestatten. Die Leichen verwesten in den Häusern. Hungrige Hunde machten sich über die verfaulenden Körper her und verschlangen sie. Als bei Einbruch der kalten Jahreszeit dieses Landessterben erlosch, folgte nun eine Hungersnot und eine damit verbundene Teuerung bis zum Jahre 1638. Die Not war so groß, daß mancher gern für einen Laib Brot einen Acker verkauft hätte. Weil kein Zugvieh mehr vorhanden war, spannten sich die Menschen selbst in die Pflüge. Das Wenige was man erntete, wurde dann oft noch von umherstrolchender Soldeska geplündert. Endlich wurde im Jahre 1648 der westfälische Frieden geschlossen. Ueberau war fast ausgestorben. Von den im Einwohnerverzeichnis von 1575 genannten Ueberauer-Familiennamen ist nur noch der Name Ramge erhalten. In die fast ausgestorbenen Orte unserer Heimat wanderten in der folgenden Zeit "Neusiedler" ein. Namen wie Egly, Stuckert, Schönberger, Schuchmann weisen auf Einwanderung aus der Schweiz hin.

Auch Auswanderungen sind registriert. Nach dem 30jährigen KriegDreißigjähriger Krieg: europäischer Religions- und Staatenkonflikt, auf deutschem Boden 1618 - 1648 ausgetragen. Im Reich standen sich zunächst die schon 1608/09 gegründeten konfessionellen Bündnisse (Union, Liga) unter Führung von Kurpfalz bzw. Bayern gegenüber. ist eine Familie Liebig nach Waldhausen, einer Wüstung bei Lichtenberg, ausgewandert. Es sind dies die Vorfahren des großen Chemikers Justus von Liebig. Mit großer Wahrscheinlichkeit war das Stammhaus der Familie Liebig das Haus W. Leuschner-Str. 23 (jetzt Richard Michel), wo im Scheitel der Rundbogentür noch heute die Jahreszahl 1604 und die Buchstaben II. L. deutlich zu erkennen sind. Im 18. Jahrhundert wandert eine Familie Greifenstein in das jugoslawische Banathistorische Landschaft, an der Rumänien, Serbien und Ungarn Anteil haben aus. Nach Aussagen von Heimatvertriebenen aus diesem Gebiet war der Name Greifenstein noch bis zu Ende des 2. Weltkrieges im Banat vertreten. Dem Rufe der Zarin Katharina II. von Rußland folgten nachstehende Ueberauer Einwohner: Johann Georg Vonderschmidt Tochter; Wielmann ein Schneider aus Ueberau, mit Frau und Schwägerin; Johannes Konrad Stuckert mit Frau und 3 Kindern; Barthel Meyer's ledige Tochter und Axthelm, ein Strumpfweber mit 4 Stiefkindern. Von der allgemeinen Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert wurde auch eine große Anzahl Ueberauer ergriffen und gingen nach Amerika. Auch im 18. Jahrhundert und der napoleonischen Zeit wurde unsere Heimat mehrmals von Kriegen mit all ihren Nöten und Leiden heimgesucht. Der Bruderkrieg vor genau 100 Jahren im Jahre 1866 brachte den Ueberauern die Einquartierung von 37 Offizieren und 1900 Mann. Aus der Pfarrchronik geht hervor, daß Pfarrer Schneider (1860 - 1878) in seinem alten Wohnhaus im Rennweg (jetzt Gemeindehaus) 6 Musikanten und im neuen Pfarrhaus, in dem er selbst in jener Nacht vom 15. auf 16. Juli zum erstenmal geschlafen hat, einen Stabsauditeur nebst 2 Pferden und Bedienten als Einquartierung erhielt. Auf dem Forstberg waren Kanonen in Stellung gegangen. In dem Treffen bei Frohnhofen fiel der hiesige Leonhard Meyer und Georg Stuckert wurde schwer verwundet.

Das wichtigste Ereignis im vorigen Jahrhundert war die Trennung unserer Gemeinde von Reinheim. Während die kirchliche Trennung bereits in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts betrieben worden war und anno 1839 erreicht wurde, kam die Trennung der beiden bürgerlichen Gemeinden im Jahre 1862. Das Großherzogliche Ministerium des Innern genehmigte mit einer Verfügung, vom 28. Februar 1862 die Trennung des Ortes Ueberau von der Gemeinde und Gemarkung Reinheim und die Bildung einer selbständigen Gemeinde. Vor der Trennung waren zwar die Ueberauer im Gemeinderat vertreten und »teilten zeitweise" sogar den Bürgermeister, doch es herrschte jahrzehntelang Unzufriedenheit weil sich die Ueberauer in vielen Dingen benachteiligt fühlten. Der Bau der Straße Ober-Ramstadt - Reinheim - Lengfeld, die wohl durch Ueberauer Gemarkung, aber nicht durch den Ort geführt wurde, sowie der Bau des Amtsgerichts in Reinheim steigerten den Unwillen noch.mehr, denn die Kosten mußten die Ueberauer tragen helfen. Letzteres durfte wohl dazu beigetragen haben, daß nun endlich die Genehmigung zur Trennung erteilt wurde Die Gersprenz ward als Grenze zwischen beiden Gemarkungen angenommen. Als Teilungsverhältnis wurden die Einwohnerzahlen angenommen, wobei auf Reinheim 1480 und auf Ueberau 780 Teile entfielen Die Waldungen wurden abgeschätzt und Reinheim mußte einen Differenzbetrag heraussahlen. Von den Gebäuden kamen in den Teilungsprozeß das Gerichtsgebaude. das alte lfatrhaus, das Rathaus und das Ortsgefängnis von Reinheim und von Ueberau d, „ Schulhaus und das Spritzenhaus. Auch hier mußte Reinheim eine größere Summe herauszahlen. Äcker und Wiesen wurden im Verhältnis 2 : l an Reinheim und Ueberau vergeben. Auch die Gemeindeschulden wurden gerecht aufgeteilt. Für Ueberau unterzeichneten den Teilungsprozeß Bürgermeister Knell Nikolaus Knell 2., Nikolaus Seibold 2., Philipp Bernius 6, Georg Michel 4., Georg Nikolaus Schuchmann. Franz Ramge 2. und Nikolaus Ramge 7.

Der Freude über die gewonnene Selbständigkeit wurde in einem Fest Ausdruck gegeben Ein Festzug mit 50 Reitern, Musik voran bewegte sich durch den Ort. Auf einem geschmückten Wagen wurde das neue Gemeindeschild zur Wohnung des Bürgermeisters gefahren und an der Hauswand angebracht. An sämtliche Ortsbürger wurde in den beiden Gastwirtschaften von Franz Ramge 2. und Johannes Bauer 3., kostenlos Speise und Trank verabreicht und den Kranken und Schwachen ins Haus geschickt. Die Kinder erhielten Brezeln und Wecken. Auf einer Schiefertafel ritzten die an der Trennung beteiligten Personen ihren Namen ein.

Interessant ist die Zahl der Einwohner. Ende des 30 jährigen Krieges war das Dorf verlassen. Im Jahre 1749 hatte Ueberau 224, 1854: 791; 1900: 808; 1925: 1032; 1933: 1145; 1939:1120; 1946:1607; 1955:1598; 1960:1508. Heute, im Jahre 1966, ist die Seelenzahl 1760.

Mit der Selbständigwerdung kamen auch neue Aufgaben an die Gemeinde heran. Im Jahre 1866 wurde das jetzige Pfarrhaus mit einem Kostenaufwand von 12.000 GuldenDer Gulden ist eine früher gebräuchliche Münze (ursprünglich aus Gold, daher der Name, später auch aus Silber) und eine Währungseinheit in mehreren Staaten. Gulden waren, wie der Name andeutet, zuerst aus Gold (Gewicht von 3,54g), später kamen Silbergulden hinzu. gebaut. Der neue Friedhof wurde 1894 erweitert. Erste Bestattung war am 8. September der Bürger Johann Georg Friedrich. Der neue Friedhof war anno 1841 angelegt worden. Am 26. August 1841 hatte auf dem alten Friedhof bei der Kirche die letzte Beerdigung stattgefunden, es war eine Anna Marg. Ramge, geb. Ramge, verstorben im Alter von 90 Jahren. Die erste Beerdigung auf dem neuen Friedhof war die des Johann Georg Stuckert, 22 Jahre alt. Die neue Friedhofsmauer ist von Steinen aufgerichtet worden, die von dem abgebrochenen Turm des westlichen Tores von Reinheim stammten. Mit Stolz können wir sagen, daß Ueberau 10 Jahre früher als die Residenzstadt Darmstadt schon elektrisches Licht hatte. In der Dieters Mühle, die seit dem Jahre 1623 besteht, wurde ein Dynamo eingebaut, der von Wasserrädern getrieben wurde. Am 21. November 1895 leuchtete zum ersten Mal das elektrische Licht auf den Straßen, in den Häusern und Stallungen. 1911 wurde der Dynamo durch eine Turbine ersetzt. Erst im Jahre 1938 übernahm die Heag die Stromversorgung. Die Erbauung eines neuen Schulhauses mit 2 Lehrerwohnungen, 2 Schulsälen und Bürgersaal erfolgte 1898/99. Es wurde mit Hinzunahme eines großen Teiles des alten Friedhofes auf dem Anwesen des Peter Delp errichtet, der dafür das alte 1820/21 erbaute Schulhaus erhielt (W.-Leuschner-Str. 13). Bereits 1910 mußte eine 3. Lehrerstelle errichtet werden, da die Schülerzahl mittlerweile auf 144 gestiegen war.

Die Jahre des friedlichen Aufbaus wurden immer wieder durch kriegerische Ereignisse unterbrochen. Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 wurden 28 Männer eingezogen, von denen zwei in der Fremde an Ruhr und Typhus starben. Einige wurden verwundet. Eine Gedenktafel am Schulhaus und die Friedenslinde an der Gersprenz erinnern an diesen Krieg. Weit schwerere Opfer forderten die beiden unseligen Weltkriege. Im 1. Weltkrieg 1914/18 standen 116 Männer unter den Waffen. Unser Dorf hatte 19 Gefallene zu beklagen. Am 10. Juli 1921 wurde Ihnen zu Ehren auf dem Friedhof ein Gedenkstein gesetzt, ein einfacher, grauer Findling. Noch ahnte man damals nicht, daß schon 1939 der 2. Weltkrieg ausbrechen und noch viel größeres Leid, dieses Mal auch unter der Zivilbevölkerung, bringen würde. Die Gedenkstätte wurde durch zwei weitere Findlinge ergänzt. Sie tragen die Namen von 64 Gefallenen und 37 Vermißten, unter ihnen auch die Kriegstoten der heimatvertriebenen Familien, die bei uns ansässig wurden. In den Jahren nach dem 1. Weltkrieg wurde 1925/26 die Flurbereinigung durchgeführt. Die Wasserleitung wurde 1928/29 gebaut. Auch nach dem unheilvollen 2. Weltkrieg hat unsere Gemeinde wichtige und große Aufgaben gemeistert, obwohl die Gemeindefinanzen durch das Fehlen von Industrie äußerst schwach sind. Wo früher Kopfsteinpflaster war, erfreuen uns heute saubere Asphaltstraßen und Bürgersteige. Neubauviertel sind entstanden. Alle Häuser wurden an die Kanalisation angeschlossen, das beschleunigte Flurbereinigungsverfahren durchgeführt und hierbei ca. 15 km Feldwege mit einer Schwarzdecke versehen. Ein neues Heim für die Feuerwehr wurde geschaffen und zugleich ein motorisiertes Feuerlöschfahrzeug angeschafft. Im Rahmen der Aktion "Unser Dorf soll schöner werden", wurden freundliche Grünanlagen gestaltet. Die Kleinsten können sich auf einem Kinderspielplatz tummeln, der abseits vom Verkehr liegt. Als besonders wertvoll erwies sich die Gersprenzregulierung, da jetzt die Hochwasserschäden so gut wie gebannt sind.

Ueberau war früher ein Dorf mit fast nur bauerlichen Betrieben. Bei einer Viehzählung am 1. Dezember 1900 wurden registriert: 84 Pferde, 515 Rindvieh, 810 Schweine, 200 Ziegen, l.616 Federvieh und 31 Bienenstöcke. Einwohnerzahl damals 808. In Ueberau selbst ist heute dagegen nur noch l Arbeitspferd. An Handwerkern waren vertreten Schmied, Wagner, Leineweber, Strumpfweber, Schneider, Schuster und Gerber. An die Gerber erinnert heute noch die Ledergasse. Die Handwerker gehörten den Reinheimer "Zünften" an. Im Jahre 1827 hatte Reinheim deren 8. Auch hatte unser Dorf einige weiße Sandsteinbrüche. Der weiße Sand wurde früher als Streusand für die Stuben und als Reinigungssand verwandt. Viele Bewohner brachten denselben auf zweirädrigen Handkarren in die umliegenden Ortschaften zum Verkauf. Sogar Darmstadt wurde beliefert. Dies ist auch der G rund, warum die Ueberauer "die Sandhasen" genannt werden. Der letzte Sandsteinbruch dürfte den Älteren noch bekannt sein. Er befand sich neben der "Schinnkaute". Besitzer war Georg Berg, Reinheim, genannt "Schorsch-Jakob".

Der Erinnerung wert ist auch "altes Brauchtum", das die Älteren noch gekannt haben, aber jetzt.langsam in Vergessenheit gerät. Da war im Winter die "Spinnstube", wo die Jugend sich abends traf und beim Spinnen oder Stricken alte Volkslieder sang. Am 27. Dezember war "Wandertag", wo Knechte und Mägde der Bauern ihren neuen Arbeitsplatz antraten. Neu zugezogene Ortsbürger mußten ihren Einstand mit einem " Feuer-Eimer" bezahlen. Hatte ein Brautpaar das Aufgebot gemacht und die Urkunde hing im Kasten, so wurden von Freunden und Nachbarn "Sträußchen" (Wachsblumen) im Kasten neben das Aufgebot geheftet. Je größer die Zahl, desto größer die Ehr. Nach der kirchlichen Trauung wurde das Paar von der Schuljugend "gehemmt". Ein Seil wurde über die Straße gespannt. Nach Werfen von Geldmünzen in die Menge der Kinder, wurde der Weg für den Hochzeitszug freigegeben. Eine besondere Ehre war es, wenn dem Hochzeitspaar "geschossen" wurde.

Wurde zum ersten Mal am 22. Februar (Maria Lichtmeß) "Fünf-Uhr" geläutet, warfen die Kinder ihre Bälle gegen die Wand. Beim Heimfahren des letzten Erntewagens wurde ein bunter "Erntekranz" aufgesteckt und alle Erntehelfer saßen auf dem Wagen und sangen Lieder. Dieser "Erntekranz" wurde dann über dem Scheunentor aufgehängt. Alles alte, liebe Erinnerungen, die der Vergangenheit angehören.

Infolge der Technisierung und Industrialisierung entwickelte sich unser Ort mehr und mehr zu einem überwiegenden Arbeiterdorf. Bedingt durch den Arbeitskräftemangel und die Notwendigkeit des Einsatzes von vielen modernen Landmaschinen, die für kleinere bäuerliche Betriebe finanziell nicht tragbar sind, gaben nach dem 2. Weltkrieg viele Einwohner ihre Landwirtschaft auf. Die meisten Arbeitnehmer sind bei uns Pendler und müssen oft weite Anfahrten zur Arbeitsstelle in Kauf nehmen. Das beweist aber zugleich, daß sie Ueberau nicht nur als Wohnsitzgemeinde ansehen, sondern als ihr liebes Heimatdorf. Viele von ihnen haben sich in den letzten Jahren ein eigenes Heim gebaut, so daß unser Dorf immer größer wurde. Augenblicklich hat Ueberau 1.760 Einwohner.

Verschiedene Sagen haben sich um unser Heimatdorf gewoben. Die Bekanntesten möchten wir nur mal im Titel aufzeichnen:

1. Warum die Ueberauer so große, laute Glocken und die Reinheimer so kleine, leise Glocken haben.
2. Das Bubenried zu Ueberau
3. Vom Kettenhund
4. Der Schweinsgraben


Quellenangaben:
1. M. Joh. Daniel Mincks, Chronik über den 30 jährigen Krieg   Prälat Diehl
2. Reinheim in Vergangenheit und Gegenwart   Friedrich Kopp
3. Reinheimer Kirchenbücher von 1575
4. Hiesige Pfarrei und Gemeindearchiv
5. Ausschnitte einer Studienarbeit   Rektor Günther Wolf