Geschichte


Die Vorgeschichte der Stadt und ihrer Umgebung

von Dr. Ludwig Hahn
(Quelle: STADT REINHEIM IM ODENWALD; DAS TOR ZUM GERSPRENZTAL; Werner E. Schröder, 1950, Selbstverlag der Stadt Reinheim/ODW.)

Die erste Hälfte unseres Jahrhunderts ist die Zeit der deutschen Vorgeschichte gewesen und gerade die letzten Jahrzehnte haben die Kenntnis von der Frühgeschichte unsres Vaterlandes ganz besonders bereichert. Zwar besitzen wir aus dieser Zeit keine dicken Bücher, sondern allein der Heimatboden offenbart uns seine Geschichte. Der hess. Heimatforscher Ed. Anthes schrieb hierzu: "Noch heute zeugen Erscheinungen in Feld und Flur, in Wald und auf den Bergen von längst vergangenen Zeiten, die weit älter sind als die frühesten Nachrichten der alten Schriftsteller über unsre Vorfahren. Da sind die Hügelgräber in den Wäldern, die uns von der Vergangenheit Zeugnis ablegen. Aber es sind auch unscheinbare Funde, wie sie der Waldarbeiter beim Roden, der Ackersmann beim Pflügen, der Gelehrte endlich in sorgsamen Ausgrabungen aus dein Boden befördert." Überall stoßen wir auf Spuren einer Bevölkerung, die vor Jahrtausenden unser Gebiet bewohnt hat. An Hand von Vergleichen mit Funden im gesamtdeutschen Raum läßt sich ein Bild machen über die Lebensweise, Kleidung, Töpferkunst (Keramik), Grabsitte unsrer Ahnen. So schwer es diese Menschen auch hatten, sie meisterten doch das harte Leben; das beweisen immer wieder neue Funde der Vorgeschichte.


I. Steinzeit

Als vor Tausenden von Jahren die Eismassen, die ganz Nord- und Mitteldeutschland bedeckten, langsam nach Norden zurückwichen, folgten Menschen, jagend und streifend, dem neuentstehenden Leben. Von diesem primitiven Jägervolk fehlen bei uns die Spuren. Lediglich bei Lämmerspiel bei Offenbach a. M. wurden Steinwerkzeuge einfachster Art gefunden (ca. 80 000—50 000 v. Chr.). In unsrer engeren Heimat aber finden wir Spuren eines Bauernvolkes, das bereits seßhaft war, in Hütten wohnte und von seiner Hände Arbeit lebte. Im Ziegelwald bei Richen liegt eine solche Siedlungsstelle. Neben Wohnstätten handelte es sich um eine Steinschmiede: mächtige Steinblöcke, die zahlreiche Klopfspuren aufweisen und als Ambos benutzt wurden, auf denen die Steinwerkzeuge, deren unfertige Reste noch heute dort außerordentlich zahlreich herumliegen, hergestellt wurden. Aus dieser ältesten Zeit stammen wohl auch die versteinerten Tierknochen, die im vergangenen Jahr im nahen Überau gefunden wurden.

Durch die feste Ansiedlung der Menschen erfolgte eine Umstellung des gesamten Lebens. Es müssen damals gewaltige Völkerumsiedlungen stattgefunden haben, die man heute nach der verschiedenartigen Verzierweise der Tongefäße benennt. Von Nordeuropa kommen die sogen. Tiefstichkeramiker, von Thüringen die Schnurkeramiker, auch Rössener (nach einem Fundort) genannt. Von Südosten strömt das Volk der Bandkeramiker in unsren Heimatraum ein, während die Michelsberger (Michelsberg in Baden) von Süden heraufziehen. Funde der Michelsberger hat man bei Groß-Umstadt gemacht. Pfahlbauten dieses Volkes sind in den sumpfigen Niederungen des alten Neckarbettes im Ried noch nachzuweisen. Kennzeichnend sind große, hohe Becher, nach ihrer eigenartigen Form „Tulpenbecher" genannt.

Bei den Bandkeramikern befinden wir uns in einer Zeit von etwa 3500—2500 v. Chr. Gefäße aus dieser Periode der Menschheitsgeschichte wurden in unsrer Nähe gefunden, bei Lengfeld, bei Habitzheim und Zeilhard (dort eine Siedlung). Im fruchtbaren Gersprenztal fand sich eine weitere Siedlung bei Groß-Bieberau. Schließlich ist eine Fundstätte aus dem Jahre 1935 bei Altheim im Flachland zu erwähnen, die uns etwas genaueren Aufschluß über die damalige Lebensweise gibt. Es sind Wohngruben, meist länglich oval (nierenförmig), über denen sich ein lehmverkleidetes Dach aus Flechtwerk erhob. In dem dunkleren Boden der Gruben fand man Feuersteinmesserchen, Scherbenreste, einen Mahlstein und Knochen vom Schwein und Rind. Bei Groß-Umstadt stand schon ein rechteckiges Wohnhaus, wohl bereits durch nordische Einwanderung beeinflußt. Schnurkeramik hat man bis jetzt in unsrer Heimat z. B. bei Groß-Bieberau feststellen können.
Ein sehr bezeichnendes Gefäß dieser Zeit stammt aus Reinheim selbst, ein kugelförmiges Täßchen. Das Original war im hess. Landesmuseum, die Nachbildung im hiesigen Heimatmuseum. Die Verzierung ist in senkrechten Linien tief ein geschnitten und ursprünglich mit weißer Farbmasse ausgefüllt. Am Friedhof bei Habitzheim wurden viele tiefstichverzierte Scherben gefunden. 1941 konnte ich bei Altheim eine sechsfüßige, reichverzierte Schale der gleichen Zeitperiode bergen, die insofern eine Sonderstellung einnimmt, als bisher nur vierfüßige Gefäße aus dieser Zeit bekannt geworden sind. Die oberhessische Wetterau birgt eine Fülle von Funden dieser schnurkeramischen Zeit. Ihre Toten bestatteten die Schnurkeramiker in der sogen. Hockerstellung (die gewöhnliche Schlaflage des Menschen) unter aufgeworfenen Hügeln. Den Toten wurden Gefäße mit Speise und Trank und ihre Steinwerkzeuge beigegeben, damit sie auf dem Weg ins Jenseits nicht zu darben brauchten.

Aus dieser Steinzeit finden wir immer wieder einmal Steinbeile verschiedenster Form (mit und ohne Lochdurchbohrung), die der Pflug oft aus dem Boden hervorzaubert, gewöhnlich „Donnerkeile" genannt, denen man besondere, geheimnisvolle Fähigkeiten zutraute. Das Auffinden dieser Steinbeile läßt aber noch nicht auf Siedlungen oder Gräber schließen. Unsre Landsdiaft müßte sonst recht dicht besiedelt gewesen sein.

Der Mensch hatte in der Steinzeit bereits eine recht hohe Kulturstufe erreicht, wenn er sich auch mit Steinwerkzeugen behelfen mußte. Aber die Kunst, Tongefäße anzufertigen und geschmackvoll zu verzieren, beweist den allgemeinen Fortschritt der Urbevölkerung der Heimat.


II. Bronzezeit

Wenn man die weitere Epoche der Vorgeschichte als Bronzezeit bezeichnet, so bedeutet dies keineswegs, daß die Entdeckung des Metalls in Nordeuropa die Steinzeit mit einem Mal abgelöst habe. Der Übergang von der Stein- zur Metallkultur erstreckt sich über Jahrhunderte, bis schließlich die Herstellung der Bronze, einer aus 9 Teilen Kupfer und einem Teil Zinn bestehenden Metallegierung, Allgemeingut wird. Arbeits- und Kriegswerkzeuge lassen sich nun viel leichter anfertigen. Die Ausarbeitung von Schmuckgegenständen erfährt eine hohe Blüte; auch das Gold gewinnt an besonderm Wert. Händler bringen das wertvolle Metall vom Süden in unsre Heimat und hinauf bis zur Nord- und Ostsee und tauschen es gegen das nordische Gold, den Bernstein, ein. Handels- und Völkerstraßen ziehen durch unsere Heimat, durch die Wetterau kommend die Bergstraße entlang nach dem Süden.

Aus der Frühbronzezeit sind die Funde nicht zahlreich. Ein Kupferbeil fand sich z. B. in Zipfen bei Lengfeld. Eine Blüte der urkeltischen Kultur des 2. Jahrtausends läßt sich dagegen auch bei uns nachweisen. Es ist die Hügelgräber-Bronzezeit, in denen die Toten unter Grabhügeln bestattet liegen. Am Forsthaus Bayerseich zwischen Wixhausen und Egelsbach und erst kürzlich wieder bei Wixhausen selbst sind bedeutende und wertvolle Funde geborgen worden. Auch bei Groß-Umstadt sind Grabhügel dieser Zeit festzustellen.

Über die Tracht der Einwohner unserer Heimat dieser Jahrhunderte sind wir durch die Grabfunde in Starkenburg einigermaßen unterrichtet. Die Frau trägt einen Halsschrnuck aus Bernsteinperlen, am Arm Spiralringe oder einfache, offene Armreife aus Bronze, das Gewand wird mit einer Spange aus Bronze geschlossen. Unter dem Umhang trägt sie eine Bluse und den langen Rock, während die Bekleidung des Mannes aus einem kurzen Knierock und einem Umhang besteht. Funde am Reinheimer Friedhof im Jahre 1949 zeigen diese Art des Bronzeschmuckes.

Es folgt eine andere Kultur, die ihre Toten nicht mehr bestattet, sondern verbrennt und die Aschenurnen in der Erde beisetzt. Man nennt diese Zeit die Urnenfelder-Bronzezeit. Bei Spachbrücken und Lengfeld sind Spuren solcher Kultur gefunden worden, weiter an der unteren Gersprenz bei Hergershausen und Sickenhofen. Die Urnenfelderleute siedelten auch im oberen Gersprenz- und im Mümlingtal. Bei Brensbach sind solche Grabanlagen wahrscheinlich. Einen besonders kostbaren Fund machte rnan am Gaßlerberg bei Groß-Bieberau. Es handelt sich um einen Verwahrfund, den wohl einmal ein Mensch dort versteckt hatte. 2 Sicheln und 10 Armringe waren dort verborgen, von denen 8 unversehrt erhalten sind. Die Ringe haben eine sehr schöne, glänzend grüne Patina, wie sie auch die Reinheimer Funde aufweisen.


III. Eisenzeit

Die Kultur der Kelten, die die Bronzezeit in unserer Heimat einleitete, erfährt insoweit eine Wandlung, als anstelle der Bronze ein leichtes und im Lande besser herzustellendes Metall, das Eisen, entdeckt wird. Auch hier ist der Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit fließend, d. h. er erstreckt sich über Jahrhunderte. Die Besiedlung der engeren Heimat ist jetzt dichter als seither. Es beginnt die Zeit des geschichtlich durch schriftliche Überlieferung erfaßbaren Altertums; von Griechen und Römern liegen Urkunden vor, über die Völker des germanischen Raumes haben uns erst römische Geschichtsschreiber berichtet.

So ist der Boden noch immer die zuverlässigste Urkunde. In ihr lesen wir, daß sich eine größere Siedlung dieser Zeit an der heutigen Straße von Groß-Umstadt nach Lengfeld befand, ebenso eine bei Habitzheim. Besonders eindrucksvoll sind die Funde in der Hanauer Koberstadt im Park südlich von Langen. Über 50 Grabhügel sind dort festzustellen. Traisa, Ober-Ramstadt, der Wald zwischen Roßdorf und Darmstadt sind weitere Fundorte. Spuren der hallstattzeitlichen Kultur wurden an der „hohen Straße" (Waldstraße) bei Reinheim entdeckt. Einen besonders reichhaltigen Fund konnte ich 1935 bei Altheim freilegen. Es handelte sich um ein Manngrab aus der Hallstattzeit (Hallstatt, der berühmteste Fundort dieser Epoche irn Salzkammergut), das 2 Urnen, 9 kleine Gefäße, l Eisenschwert und 4 kleine Bronzegeräte enthielt. Die gleiche Bevölkerung errichtete im Wald bei Hering, Hummetroth, Ober-Nauses, Höchst und Wiebelsbach ihre Hügelgräber. Siedlungsstätten wurden dort nicht gefunden; dagegen sind einige Pfostenhäuser bei Traisa entdeckt worden. Das größte Haus mißt 13 : 21,5 m, gewiß ein stattliches Gehöft dieser alten Bauernkultur. Mit der Hallstattzeit haben wir ungefähr das Jahr 500 v. Chr. erreicht.

Die folgenden tausend Jahre nennt man nach dem bedeutendsten Fundort La-Tene am Neuenburger See in der Westschweiz die La-Tene-Zeit. Alte Namen unserer Heimat künden noch heute von dieser keltischen Kulturepoche, z. B. Messel (Masila), König (Quinticha), Alzey (Altiaia). Die Kelten erreichen um 400 eine politische Machtstellung, die von Spanien bis Ungarn hin sich dehnt. Erst wandernde Germanenstämme drängen die Kelten nach Süden zurück. Besonders im Ried wurden Gräberfelder geborgen, große Friedhöfe überall in der Main-Niederung bis nach Hanau. In unserer Gegend wurden Funde bei Groß-Umstadt und Altheim gemacht.

Kurz hinter Schloß Lichtenberg erhebt sich die „Heuneburg", eine Fluchtburg der La-Tene-Zeit. Hier haben die Bewohner der keltischen Siedlungen Schutz gesucht hinter den dicken Granitblöcken, die zu einem mächtigen Ringwall ausgebaut sind und heute noch bis 4 m hoch anstehen.

Und damit sind wir in der Zeit, da der Römer Süddeutschland beherrscht. In Groß-Gerau, Gernsheim, Dieburg, Eulbach, Würzberg waren römische Kastelle, Grenzgarnisonen, untereinander mit guten Straßen verbunden. Besonders unsere Kreisstadt zeigt eine Fülle römischer Funde: Mithrasheiligtum (Mithras, der Soldatengott), Götterbilder, Grabsteine, alte Straßen („Hohe Straße" nach Obernburg). Ostwärts der Mümling lief der Grenzwall (Limes), von dem heute noch die Wachturmreste und ein langezogener Graben Zeugnis geben (bei Vielbrunn, Eulbach, am Hainhaus). Auf dem Felsberg sind deutlich Spuren der Granitindustrie der Römer festzustellen.

Gegen diese römischen Befestigungen rannten die freien Germanen an, die Sweben, Alamannen, Burgunder und Franken. Der Römer unterliegt. Frühgermanische Gräber wurden wieder im Groß-Gerauer Gebiet, auch mitten in Darmstadt (am weißen Turm) freigelegt. Aus Ober-Klingen stammt ein Weihaltar eines gallischen Legionssoldaten der 22. Legion. Heutige Flurnamen wie „Weiler" (villa) und „Auf der Mauer" (murus) deuten auf römische Ansiedlung hin. In Groß-Bieberau deckte man eine Villa auf, in der die Heizanlage (unserer Zentralheizung vergleichbar) noch teilweise erhalten war. Ein alamanischer Friedhof erstreckt sich am Bahnhof in Groß-Umstadt.

Obwohl aus dieser Zeit manches Schriftliche uns erhalten ist, bleibt der Boden doch die sicherste Urkunde. Daß so wenig bei uns bisher gefunden ist, kommt wohl daher, daß unsere Dörfer auf den alten Siedlungen stehen. Fränkische Reihengräber wurden z. B. am Reinheimer Bahnhof festgestellt und auch Groß-Bieberau ist der Fundort eines Frankengrabes mit eisernen Messern und einem Hornkamm.

Im Laufe des 8. Jahrhunderts hören die Bodenfunde allmählich auf. Unter dem Einfluß der christlichen Kirche werden die Beigaben in den Gräbern weniger und verschwinden schließlich ganz.