Geschichte


ZUCKERRÜBENERNTE IN HANDARBEIT

Wilhelm Ruppert

(Quelle: "DER ODENWALD"; Zeitschrift des Breuberg-Bundes; 46. Jahrg. Heft 4; Dezember 1999)

Den Anstoß zu den nachfolgenden Ausführungen geben zwei Zuckerrübenheber und eine Köpfschippe (Abb. 1) im Besitz des Verfassers, der für die Zuckerrübenernte in Handarbeit auf seine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen im Raume Reinheim im Gersprenztal zurückgreifen kann. Die amtliche Statistik 1 verzeichnet 1913 eine Zuckerrübenanbaufläche von: Reinheim mit Illbach 88 ha; Ueberau 52 ha; Spachbrücken 3 ha; Georgenhausen 6 ha; Zeilhard und Dilshofen 8 ha.

Seit etwa 1880 waren Raps und Mohn nicht mehr rentabel anzubauen. "An ihre Stelle trat der Anbau von Zuckerrüben, der in hiesiger Gemeinde einen hübschen Ertrag liefert. Im Jahre 1898 wurden von hiesigen Landwirten nach Groß-Umstadt 45 und nach Groß-Gerau 218 Waggons Rüben geliefert. Das Gesamtgewicht der nach Groß-Gerau abgegangenen Lieferung betrug 45332 Zentner." 2

Für diese Verhältnisse ist zu bedenken, daß es für die Erntearbeiten noch keine maschinelle Hilfe gab. Jede einzelne Zuckerrübe, die, im Gegensatz zu den flachwurzelnden Runkelrüben, sehr tief im Boden verankert ist, mußte mit dem Zuckerrübenheber aus dem Erdreich gelockert werden. Dieses Gerät (Abb. l -links bzw. rechts) wurde im Prinzip wie ein Spaten gehandhabt. Der Erntearbeiter oder die Arbeiterin mußte hinter der Rübe einstechen und durch das nach hinten Herunterdrücken des Stieles die Rübe lockern, um sie dann mit der freien Hand zu packen und zur Seite zu legen. Danach richtete sich der Tätige wieder auf. um die nächsten Pflanze zu greifen und nach dem Ausstechen im Reihengelege abzulegen. In einem weiteren Arbeitsgang wurden die ausgegrabenen Zuckerrüben mit einem Spalter von den Blättern getrennt und danach abtransportiert. Die in der Mitte der Abbildung l dargestellte Köpfschippe (Stoßhacke mit Bügel) 3 könnte auch für diese Arbeit eingesetzt worden sein.

Abb. 1: Handarbeitsgeräte
für die  Zuckerrübenernte

Die Schwere der Arbeit läßt sich nicht besser als dadurch verdeutlichen, daß die Zuckerrübenernte meistens in der feuchteren Herbstzeit und in den schweren Lößböden des Reinheimer Hügellandes zu verrichten war. An dieser Stelle ist der besonderen Variante des Zuckerrübenhebers mit dem kurzen Stiel (Abb. l - links) zu gedenken. Nachdem es üblich geworden war, bestimmte Ernteflächen in Akkord zu vergeben, wurde von den Akkordarbeitern der Zuckerrübenheber mit dem kurzen Stiel verlangt und genutzt. Diese Variante hatte den "Vorteil", daß der Arbeiter sich nach dem Ausheben nicht wieder aufrichten mtlßte, sondern gleich in gebückter Stellung weiterschreiten konnte, um die nächste Rübe zu lockern und auszuheben. Das Deutsche Landwirtschaftsmuseuni in Stuttgart-Hohenheim kennt für den Rübenheber eine andere Form. Karl-Rolf Schultz-Klinken stellt für den Rübenheber eine Gesamtlänge von 128 cm und ein Gesamtgewicht von 4,08kg bei einer Gabellänge von 44 cm fest 4.

Abb. 2: Pause bei der Zuckerrübenernte in Handarbeit (Ueberau etwa 1939/1940. Foto: Privat)

Weil die örtliche Arbeiterschaft sich seit 1900 immer stärker auf die Industrie im Raume Darmstadt und Offenbach umorientierte, wurde es in der Landwirtschaft notwendig, für die Erntezeit Wanderarbeiter aus dem Räume Biedenkopf, dem Spessart und auch aus dem Odenwald anzuwerben. Sie kamen in Verwandtschafts- oder Freundschaftsgruppen. Mancher Familienname erinnert noch heute an die damaligen Familiengründungen. Als Tagelohn wird von älteren Mitbürgern noch von 75 Pfennigen pro Tag, bei freier Station, gesprochen. Andere erzählen, daß in den fünf Wochen der Zuckerrübenernte pro Woche 10 Mark verdient worden wären. Die Accordarbeit wurde nach Morgen abgeernteter Fläche bezahlt und zwar für den Morgen mit 20 Mark. 4 Mann konnten am Tag 2 Morgen Zuckerrüben ernten, was im Normalfalle l Waggon ergab. Gearbeitet wurde von 6.00 Uhr bis etwa 20.00 Uhr. Das Ernteverfahren in Handarbeit wurde noch bis in die Jahre 1939/1940 beibehalten.

Mit Beginn des Krieges mußten in der Landwirtschaft vor allem Frauen - ob jung oder alt - wie in Ueberau, die schwere körperliche Arbeit der Zuckerrübenernte verrichten (Abb. 2). Eine erste Erleichterung brachte der Rübenpflug (Pommeritzverfahren), der bis Mitte der 1950er Jahre genutzt wurde. Ab dieser Zeit beobachtete man eine fortlaufende Vervollkommnung des Ernte Verfahrens in Maschinenarbeit.

Heute fahren große Vollerntemaschinen im Lohnbetrieb, so groß wie ein Omnibus, über die Felder, bei einer Stundenleistung von etwa l ha und ernten gleichzeitig 6 Reihen Zuckerrüben, trennen die Blätter von den Rübenkörpern, beseitigen den verbliebenen Schmutz und befördern die Rüben in einen großen Behälter, bis die Maschine wieder auf ihrem Rundkurs über das Feld an der gewünschten Entladestelle ankommt, wo der gesamte Behälterinhalt mittels einer Fördereinrichtung entleert wird. So können wir in den Monaten der „Zucker-Kampagne" die langen Zuckerrübenhalden an den Feldrändern in verkehrsgünstiger Lage sehen. Sie werden nachfolgend von einem Ladefahrzeug auf einen LKW verladen werden, der seine Fracht dann direkt zur Zuckerfabrik bringt. Die schwere Muskelarbeit der Landarbeiter ist dem aufreibenden modernen zeitbestimmten Arbeitsablauf gewichen.

Anmerkungen:
1. Die Bodennutzung und der landwirtschaftliche Anbau. In: Beiträge zur Statistik des Großherzogtums Hessen 63. Bd. (1914) 5. Heft, S. 7.
2. Friedrich Kopp, Reinheim in Vergangenheit und Gegenwart. Reinheim 1902, S. 71.
3. Karl-Rolf Schultz-Klinken, Die Entwicklung der ländlichen Handarbeitsgeräte in Südwest-Deutschland. In: Der Museumsfreund 14/15, Stuttgart 1975, S. 51.
4. Wie Anm. 3, S. 57 und 67.